Laut einer im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) durchgeführten Studie sind die Preise für Speisen in der Gastronomie nach der Mehrwertsteuersenkung praktisch nicht gesunken. Das von der NGG beauftragte Beratungsunternehmen WMP Consult kam dabei zu dem Ergebnis, dass 91 Prozent der Preise unverändert blieben, während rund acht Prozent stiegen. Wie Ihr ja als emsige Leser unserer Depechen wisst, ist damit exakt das eingetreten, was wir bereits vor der Senkung der Mehrwertsteuer prophezeit haben.
Doch anstatt den bemerkenswerten Erfolg zu feiern, dass über 90 Prozent der untersuchten Restaurantpreise trotz komplett eskalierender Kosten stabil geblieben sind, übernahmen große Teile der Presse die tendenziöse Interpretation der NGG vollkommen unreflektiert. In der Pressemitteilung heißt es sinngemäß, die Mehrwertsteuersenkung habe ihr Ziel verfehlt, weil die Entlastung nicht bei den Gästen angekommen sei. Die Frankfurter Rundschau titelte beispielsweise mit der reißerischen Schlagzeile „Milliarden für die Gastronomie und praktisch nichts kommt bei den Gästen an“.
Abgesehen davon, dass ein solches Wording wieder einmal das völlig absurde Narrativ einer milliardenschweren Subvention bedient, wurde die Entlastung vom DEHOGA auch nie mit dem Versprechen gefordert, dass die Speisekartenpreise anschließend sinken würden. Der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent sollte wirtschaftlich massiv unter Druck geratene Betriebe stabilisieren, Existenzen und Arbeitsplätze sichern, die steuerliche Ungleichbehandlung gegenüber Take-away und Lebensmitteleinzelhandel beseitigen, die deutsche Gastronomie steuerlich an das europäische Niveau heranführen und weitere Preissteigerungen für die Gäste möglichst abfedern. Wer daraus im Nachhinein eine staatlich finanzierte Rabattaktion für Restaurantbesucher herbeikonstruiert und anschließend empört feststellt, dass die Preise nicht gefallen sind, schreibt der Maßnahme schlicht eine Zielsetzung zu, die es nie gegeben hat.
Es ging nämlich nie darum, aus 19,99 Euro plötzlich 18,99 Euro zu machen. Es ging darum, zu verhindern, dass aus 19,99 Euro angesichts explodierender Kosten plötzlich 22,99 oder 23,99 Euro werden.
Und genau hier liegt der entscheidende Denkfehler der ideologisch geframten Debatte. Die Studie zeigt zwar, dass die Preise weitgehend stabil geblieben sind. Sie sagt aber rein gar nichts darüber aus, wie sie sich ohne die Mehrwertsteuersenkung entwickelt hätten. Genau dieser kontrafaktische Vergleich wäre jedoch notwendig, wenn man im Rahmen einer seriösen kausalen Effektevaluation beurteilen will, ob und in welchem Umfang die Entlastung tatsächlich bei den Gästen angekommen ist.
Denn eine Entlastung kommt beim Gast nicht erst dann an, wenn der Preis auf der Speisekarte sinkt. Sie kommt genauso bei ihm an, wenn eine ansonsten notwendige Preiserhöhung gar nicht erst beim Gast ankommt. Wer aus stabilen Preisen kurzerhand schließt, die Entlastung sei nicht bei den Gästen angekommen, unterstellt damit zwangsläufig, dass die Preise ohne die Mehrwertsteuersenkung ebenfalls stabil geblieben wären.
Damit verwechselt man allerdings eine ausgebliebene Preissenkung mit einer ausgebliebenen Preiserhöhung.
