Der italienische Wirt Salvatore Marrazzo möchte nicht mehr, dass Gäste in seinem Restaurant „Accanto“ in Esslingen die Rechnung zeitraubend splitten. Um das kundzutun, hat er einen Zettel an der Eingangstür aufgehängt. Der kleine Zettel hat deutschlandweit für große Furore gesorgt. Die Welt, Focus, Bild, die Tagesschau und der SWR berichten geradezu reißerisch über dieses weltbewegende Ereignis.
Nun wisst Ihr ja als treue Stammgäste unserer Etablissements, dass wir schon seit Jahren getrenntes Zahlen nicht mehr gestatten. Wir sind Euch übrigens sehr dankbar, dass Ihr dafür von Anfang an großes Verständnis gezeigt habt. Tische, die getrennt zahlen, sind wirklich immer eine nervenaufreibende und langwierige Angelegenheit. Regelmäßig wird ausgiebig und lange in Anwesenheit des Kellners darüber diskutiert, wer wie viele Gläser Wein von der Flasche getrunken hat und wer welche Beilage gegessen hat. Danach steht man als verzweifelter Kellner noch am Kreditkartenterminal und versucht, unterschiedlichste Kreditkarten abzurechnen und die jeweils genannten Trinkgeldbeträge einzugeben. Dadurch dauert es teilweise ewig, bis der Tisch am Ende tatsächlich komplett abkassiert ist. Bei Tischen, an denen sieben, neun, vierzehn oder mehr Gäste sitzen, die einzeln zahlen möchten, kann der Bezahlvorgang so lange dauern, dass der Kellner praktisch für den ganzen restlichen Abend nur damit beschäftigt ist, diesen Tisch zu kassieren.
In Zeiten, in denen Gäste immer anspruchsvoller und preissensibler werden und gleichzeitig ein dramatischer Fachkräftemangel herrscht, sind Splitrechnungen in der hochwertigen Speisegastronomie wirklich nicht mehr zeitgemäß.
Das unbeirrbare Beharren auf getrenntem Zahlen ist übrigens eher ein Phänomen unter teutonisch sozialisierten Festlandeuropäern. In vielen anderen Kulturkreisen gilt es als deutlich eleganter, wenn eine Person zunächst die komplette Rechnung übernimmt und man sich beim nächsten Essen einfach revanchiert.
In China wird der der Kampf um die Bezahlung sogar geradezu spielerisch ritualisiert. Dort gehört es förmlich zum guten Ton, sich nach dem Essen mit sportlichem Ehrgeiz darum zu streiten, wer die Zeche übernehmen darf. Jeder möchte die Ehre haben, die anderen einzuladen, denn wer zahlt, mehrt sein Mianzi, sein soziales Gesicht, beweist Großzügigkeit, signalisiert Wohlstand und bringt seine Wertschätzung für die Anwesenden zum Ausdruck. Nicht selten drängen gleich mehrere Gäste der routiniert verdutzt spielenden Kellnerbrigade gleichzeitig Geldbündel oder Kreditkarten auf. Manche verabschieden sich sogar fünf Minuten vor Ende des letzten Gangs unter einem Vorwand auf die Toilette, allerdings nicht, um dort ihre Notdurft zu verrichten, sondern um heimlich die komplette Zeche zu begleichen und so, noch bevor die anderen reagieren können, das Rennen um die Großzügigkeit still und elegant für sich zu entscheiden.
Beim Konzept des Mianzi handelt es sich übrigens um die zutiefst chinesische Vorstellung vom sozialen Ansehen, das ein Mensch in den Augen seiner Mitmenschen genießt. Mianzi ist keine bloße Eitelkeit, sondern eine ernstzunehmende soziale Währung, die man erwerben, anhäufen und auch verlieren kann. Wer großzügig ist, wer einlädt, wer gibt, ohne kleinteilig zu rechnen, der gewinnt an Mianzi. Wer knausert, wer sich drückt, wer die Rechnung stillschweigend den anderen überlässt, riskiert, es einzubüßen. Das Bezahlen ist also weit mehr als ein profaner Abschluss des Abendessens. Es ist eine öffentliche Geste, ein Bekenntnis zur eigenen Rolle innerhalb der Gruppe, ein Moment, in dem soziale Hierarchien bekräftigt oder neu ausgehandelt werden. In diesem Kontext betrachtet erklärt sich auch die scheinbar übertriebene Inbrunst, mit der um die Rechnung gerungen wird.
Das Bild wurde natürlich KI generiert.
