In internationalen Metropolen wie London, New York oder Paris gelten Gastronomen wie Laurent de Gourcuff, Alan Yau, Arjun Waney, David Yeo, Stephen Starr, Keith McNally und Richard Caring als kluge und visionäre Entrepreneure, die mit unternehmerischem Elan, hoher Risikobereitschaft, erheblichem Kapitaleinsatz und einem feinen Gespür für Ästhetik und Kulinarik weit mehr leisten, als bloß profane Restaurants zu eröffnen. Sie werden dafür bewundert, gesellschaftliche Bühnen mit glamouröser Strahlkraft zu erschaffen, ein international kaufkräftiges Publikum anzuziehen, das Image ganzer Städte zu prägen und damit substanziell zur ökonomischen wie kulturellen Attraktivität des jeweiligen Wirtschaftsstandorts beizutragen.
In Deutschland gilt hingegen noch immer die kollektive Mehrheitsmeinung, dass, wer nichts wird, halt Wirt wird.
Dass sich dieses Vorurteil bisweilen auch in vorschnellen Urteilen über Sprache und Bildung manifestiert, zeigte sich erst kürzlich wieder in einem Kommentar zu einem unserer Artikel. Darin hatten wir im Kontext der Tatsache, dass ein handwerklich arbeitendes Speiserestaurant nicht nur ein extrem personalintensives POS-Dienstleistungsunternehmen ist, sondern auch eine extrem energiehungrige Just-in-Time-Lebensmittelmanufaktur, von einer iatrogenen Energiepolitik gesprochen. Daraufhin kommentierte ein Leser, die Verwendung des Wortes iatrogen zeige klar, dass wir offensichtlich über keinerlei Bildung verfügten.
Iatrogen ist ein Begriff, der ursprünglich aus der Medizin stammt. Etymologisch leitet sich das Wort aus dem Griechischen ab: iatros bedeutet Arzt, genēs so viel wie hervorgebracht oder verursacht. Wörtlich bedeutet iatrogen also „vom Arzt verursacht“. Gemeint ist damit, dass ein eigentlich zur Heilung gedachter Eingriff gerade selbst einen Schaden hervorruft oder eine bestehende Erkrankung noch verschärft.
Damit ist das Bild der iatrogenen Energiepolitik eine geradezu perfekte Metapher für eine Politik, die vorgibt, den Klimawandel bremsen und die Wirtschaft ankurbeln zu wollen, durch ihre eigenen Eingriffe aber exakt das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen will. Denn wer günstige, sichere und praktisch CO2-freie Kernkraftwerke aus rein ideologischen Gründen abschaltet, ohne dafür zu sorgen, dass ausreichend grundlastfähige, bezahlbare und emissionsarme Alternativen zur Verfügung stehen, erhöht nicht nur die strukturelle Abhängigkeit von teurer und emissionsintensiver fossiler Energie, sondern auch von externer Energieversorgung und teuren Importen. Das Problem wird so also nicht gelöst, sondern ökologisch, ökonomisch und geopolitisch weiter verschärft.
Im Übrigen verwenden nicht nur wir den Begriff iatrogen in einem übertragenen und ausdrücklich nicht rein medizinischen Sinn. Auch Nassim Nicholas Taleb, der weltberühmte Epistemologe, Finanzjongleur, Stochastiker und Autor des Weltbestsellers Der schwarze Schwan, verwendet das Wort bekanntlich schon seit Jahren nicht mehr nur zur Beschreibung medizinisch verursachter Schäden, sondern auch für negative Folgen, die durch vermeintlich kluge Interventionen überhaupt erst ausgelöst oder massiv verschärft werden.
Wer also nicht versteht, warum das Wort iatrogen im Kontext der aktuellen Energiepolitik eine geradezu perfekte Metapher ist, sollte mit Urteilen über die Bildung anderer vielleicht etwas vorsichtiger sein. Es ist keine Schande, ein Fremdwort nicht zu kennen. Kritisch wird es erst dann, wenn man die eigene Verständnislücke mit einer solchen Selbstgewissheit vor sich herträgt, dass man sie auch noch mit intellektueller Überlegenheit verwechselt. Wer anderen aus Unkenntnis mangelnde Bildung attestieren will, offenbart damit vor allem die Grenzen des eigenen Urteils.
