In diesem Kontext echauffierte sich ein Leser und wollte von uns wissen, warum es in Paris so viel billiger sei, exzellent essen zu gehen, obwohl dort die Gastro-Mehrwertsteuer leicht höher und der Mindestlohn nicht signifikant niedriger ist. Wir haben ihm daraufhin wie folgt geantwortet:
Wir haben eher die Erfahrung gemacht, dass wirklich vergleichbare Restaurants in Paris nicht billiger sind, sondern eher teurer. Bei Jan Hartwig, einem der aktuell besten Drei-Sterne-Köche Deutschlands, kostet das Menü beispielsweise nur 355 Euro. Im ebenfalls hervorragenden und „nur“ mit zwei Sternen ausgezeichneten Restaurant Guy Savoy in Paris kostet ein qualitativ vergleichbar exzellentes Menü hingegen aktuell bereits stolze 740 Euro.
Aber auch legere Restaurants, die eher mit dem Mon Amie Maxi vergleichbar sind, sind in Paris teilweise dramatisch teurer. Wir waren beispielsweise gerade zufällig in der Pariser Brasserie Benoit. Dort kostet die gratinierte Zwiebelsuppe nicht wie bei uns nur 18,99 Euro, sondern stolze 24,00 Euro. Und eine Seezunge, die sogar kleiner ist als bei uns, kostet dort nicht wie bei uns 69,99 Euro, sondern gleich satte 140,00 Euro. Abgesehen von diesen Beispielen greift allerdings auch die übrige Argumentation nicht.
Schon Ihre Prämisse zum Mindestlohn hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland liegt aktuell bei 13,90 Euro pro Stunde, während der französische SMIC 12,02 Euro beträgt. Der deutsche Mindestlohn liegt damit rund 15,6 Prozent über dem französischen SMIC. Ein äußerst relevanter Unterschied, weil die Personalkostenquote in der handwerklich arbeitenden Speisegastronomie nach gängigen Branchenrichtwerten typischerweise bei 35 bis 45 Prozent liegt und laut Destatis im Gastgewerbe 47 Prozent aller Arbeitsplätze im Mindestlohnbereich liegen. Doppelt schmerzhaft wird dieser Unterschied dadurch, dass der höhere deutsche Mindestlohn selbst bei grob vergleichbarer Abgabenlast automatisch auch höhere absolute Lohnnebenkosten nach sich zieht und deutsche Gastronomen zusätzlich mit einer Gewerbesteuer belastet werden, für die es in Frankreich schlicht kein Äquivalent gibt. Und als wäre das noch nicht genug, produziert Frankreich dank seines hohen Kernenergieanteils auch noch deutlich günstigeren Strom als Deutschland, was speziell für die Gastronomie als eine der energieintensivsten Branchen des Landes einen weiteren erheblichen Wettbewerbsnachteil bedeutet.
Auch der Hinweis auf die Mehrwertsteuer ist nicht zutreffend. In Frankreich gilt der reduzierte Mehrwertsteuersatz nämlich nicht nur auf Speisen, sondern auch auf alkoholfreie Getränke. Für alkoholfreie Getränke mit einem wiederverschließbaren Schraubverschluss, wie zum Beispiel eine Flasche Wasser, gilt dort sogar ein nochmals stark reduzierter Mehrwertsteuersatz von nur 5,5 Prozent. In Deutschland hingegen gilt für Getränke in der Gastronomie weiterhin der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent, weil der reduzierte Satz ausdrücklich nur für Speisen gilt.
In Deutschland lasten auf vielen Getränken also fast doppelt so hohe oder, je nach Produkt wie beispielsweise Wasser, sogar fast viermal so hohe steuerliche Belastungen wie in Frankreich. Das ist übrigens ein besonders relevanter Punkt, weil Wasser in der Gastronomie zu den meistverkauften Produkten überhaupt zählt und Getränke typischerweise einen hochrelevanten Teil des Gesamtumsatzes ausmachen.
Ach ja, fast vergessen: Moussierende Schaumweine wie Champagner, Cava, Prosecco und Crémant unterliegen in Deutschland einer Schaumweinsteuer, die sogar mehr als dreizehnmal so hoch ist wie die französische.
Insgesamt sind deutsche Wirte also in diversen Facetten signifikant höher belastet als ihre französischen Kollegen.
Man kann in Paris allerdings tatsächlich extrem preiswert essen. In diesem Kontext haben wir schon einmal die wirklich absurd günstige Bouillon Chartier unter das gestrenge Mookular genommen. Der Artikel ist zwar schon über zehn Jahre alt, aber wie wir kürzlich feststellen durften, noch immer amüsant zu lesen. Wir empfehlen deshalb, nach der Lektüre dieses Newsletters auch noch den Bericht über die Bouillon Chartier zu lesen.
