Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat gerade auf Facebook eine geradezu euphorische Erfolgsmeldung über die angeblich segensreichen Auswirkungen der Frankfurter Anti-Autofahrer-Politik auf den Oeder Weg veröffentlicht. Als wissenschaftliche Grundlage dient dem Interessenverband ausgerechnet eine mittlerweile zweieinhalb Jahre alte Untersuchung der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS), über deren absurd geframte Interpretation wir bereits im Juli 2024 ausführlich berichtet haben.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass der ADFC die längst bekannte Untersuchung ohne jegliche Zeit- oder Quellenangabe als topaktuelle Erfolgsgeschichte verkauft und die bereits damals öffentlich dokumentierte Kritik der Industrie- und Handelskammer (IHK) einfach komplett verschweigt.
Laut der damaligen UAS-Untersuchung gaben lediglich rund 25 Prozent der befragten Gewerbetreibenden an, nach der Verödung des Oeder Wegs unter Umsatzrückgängen zu leiden. Die IHK bezweifelte diese Ergebnisse und entschied sich daraufhin, einfach eine eigene Untersuchung durchzuführen. Dabei stellte die IHK erstaunlicherweise fest, dass die UAS nicht nur die tatsächlich betroffenen Erdgeschossbetriebe wie Einzelhändler, Reinigungen, Schuster und Friseure befragt hatte, sondern auch Unternehmen in den Obergeschossen, deren wirtschaftliche Existenz wenig bis überhaupt nicht von einer guten Erreichbarkeit mit dem Auto abhängt.
Besonders pikant ist übrigens die absurde Tatsache, dass zahlreiche der befragten Obergeschoss-Gewerbetreibenden in Wahrheit Privatpersonen waren, die mit einer Kleingewerbeanmeldung eine kleine Solaranlage auf dem Balkon ihrer Wohnung betrieben und die, oh Wunder, durch die Verödung des Oeder Wegs überhaupt keine Umsatzeinbrüche zu verzeichnen hatten. Kein Wunder also, dass die IHK die absurd geframte Studie der UAS massiv kritisierte.
Im Gegensatz zur Frankfurt UAS konzentrierte sich die IHK bei ihrer Befragung gezielt auf die tatsächlich von der Verödung des Oeder Wegs betroffenen Erdgeschossbetriebe. Dabei stellte die IHK fest, dass zahlreiche Einzelhändler teilweise sogar dramatische Umsatzeinbußen beklagen mussten. Einzelne Gewerbetreibende berichteten sogar von Umsatzrückgängen um bis zu unglaubliche 75 Prozent.
Zudem ergab die Untersuchung der IHK, dass 34,8 Prozent der 23 befragten Einzelhändler und Dienstleister planten, den Oeder Weg im Falle einer dauerhaften Umgestaltung zu verlassen. Ein wirklich erschütterndes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass damit mehr als ein Drittel der befragten Einzelhändler und Dienstleister nach der Umgestaltung des Oeder Wegs keine wirtschaftliche Perspektive mehr an ihrem bisherigen Standort sahen.
Dass die Drohung der Gewerbetreibenden, den Oeder Weg zu verlassen, keineswegs unbegründet war, zeigt die Tatsache, dass es laut Daten des städtischen Gewerberegisters allein in den Jahren 2022 und 2023 am Oeder Weg zu insgesamt 17 Gewerbeabmeldungen kam.
Ein weiteres, besonders tragisches Detail der IHK-Umfrage war übrigens, dass sich viele Gewerbetreibende aus Angst vor weiteren brutalen Übergriffen militanter Autohasser weigerten, an der Umfrage teilzunehmen. Einzelhändler und Wirte, die es tatsächlich gewagt hatten, sich öffentlich über ihr trauriges Schicksal zu beklagen, wurden nämlich mit anonymen Hassbriefen bedroht, ihre Schaufenster beschmiert und die Eingänge ihrer Geschäfte mit E-Rollern verbarrikadiert.
Von diesen erschütternden Fakten erfahren die Facebook-Follower des ADFC allerdings kein einziges Wort. Stattdessen feiert der Interessenverband, dass sich der Autoverkehr auf dem Oeder Weg halbiert habe und die Zahl der registrierten Verkehrsunfälle von 87 im Jahr 2019 auf 47 im Jahr 2023 zurückgegangen sei. Nun ist es natürlich wenig überraschend, dass auf einer Straße, aus der man einen erheblichen Teil des Autoverkehrs vergrämt hat, auch weniger Verkehrsunfälle registriert werden. Nur dumm, dass die vergrämten Autos dadurch nicht einfach von der Erdoberfläche verschwunden sind, sondern sich andere Wege bahnen und dann möglicherweise dort Unfälle verursachen. In diesem Kontext verschweigt der ADFC beispielsweise auch, dass die Zahl der Fahrradunfälle mit Personenschaden im gesamten Frankfurter Stadtgebiet von 2023 bis 2025 um satte 20,6 Prozent regelrecht explodiert ist.
Letztendlich liegt Erfolg eben immer im Auge des Betrachters. Der lastenradfahrende ADFC-Aktivist empfindet es offensichtlich als großen Erfolg, dass sich viele Verkehrsunfälle geografisch vom Oeder Weg wegverlagert haben, und feiert deshalb die Verödung des Oeder Wegs. Günter Brado, der Inhaber des Schreibwarengeschäfts Papier Brado, dessen Umsätze laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau um 50 Prozent regelrecht kollabiert sind und der daraufhin sein Geschäft schließlich schließen musste, sieht die Sache mit der Verödung des Oeder Wegs sicherlich komplett anders.
John Rawls, der legendäre amerikanische Philosoph und Harvard-Professor, hat mit seinem moralphilosophischen Gedankenexperiment des sogenannten „Schleiers des Nichtwissens“ eine in diesem Kontext faszinierende Frage aufgeworfen. Wie würde man eine Gesellschaft gestalten, wenn man vorher nicht wüsste, welche Rolle man später selbst in ihr spielen wird? Übertragen auf den Oeder Weg stellt sich also die Frage, ob der lastenradfahrende ADFC-Aktivist die Verödung des Oeder Wegs auch dann noch so euphorisch feiern würde, wenn er vorher nicht wüsste, ob er anschließend als sorgenfreier Radfahrer oder als existenzbedrohter Einzelhändler von den Konsequenzen betroffen wäre. Wir glauben, die Antwort zu kennen. Ihr auch?
