Wir hatten Euch ja bereits erzählt, dass der Hype um die sagenhaft köstliche indische Aromen- und Vitalküche in London mittlerweile komplett eskaliert ist und mit dem Trèsind nun auch noch ein dritter Aspirant eröffnet hat, der sogar das Potenzial für drei MICHELIN-Sterne haben könnte. In diesem Kontext hatten wir Euch versprochen, auch den neuen Shootingstar unter das gestrenge Mookular zu nehmen.
Da wir bekanntlich unsere Versprechen halten und nicht wie die üblichen Verdächtigen brechen, präsentieren wir Euch nun den dritten Teil unseres investigativen Recherche-Triptychons über die drei indischen Restaurants, die aktuell das Potenzial haben, Londons erstes indisches Drei-Sterne-Restaurant zu werden.
Allerdings müssen wir zunächst etwas richtigstellen. Das neu eröffnete Trèsind im mondänen Londoner Szeneviertel Mayfair ist nicht, wie wir irrtümlich angenommen hatten, ein exakter Klon des mit drei MICHELIN-Sternen ausgezeichneten Trèsind-Flagships Trèsind Studio in Dubai, sondern ein eigenständiges, an London angepasstes Schwesterkonzept.
Da wir inzwischen aber alle indischen Sternerestaurants Londons schon mehrfach besucht haben, können wir mit gutem Gewissen behaupten, dass das Trèsind definitiv auf Sterneniveau kocht und selbst dem umjubelten Gymkhana kulinarisch die Stirn bieten kann.
Angesichts der Tatsache, dass Gordon Ramsay, das notorische Enfant terrible der britischen Hospitality-Szene, erst kürzlich die These postulierte, das Gymkhana stehe unmittelbar vor dem dritten MICHELIN-Stern, bedeutet das natürlich auch, dass das Trèsind durchaus das Potenzial für drei Sterne haben könnte.
Neugierig geworden? Dann folgt uns zum dritten Teil unserer kulinarischen Tour de Force …

Für das überraschend schlichte und ausgesprochen zurückhaltende Interior zeichnet das auf Hospitality spezialisierte 1747 Studio unter der Leitung der italienischen Architektin Clara Voce verantwortlich.
Offenbar ist die fast schon demonstrative Zurückhaltung keine Folge mangelnder gestalterischer Ambition, sondern eine durchaus bewusste Entscheidung. Nach Aussage der Designer soll das Interior die kulinarische Philosophie des Hauses widerspiegeln und indische Traditionen mit klaren, zeitgenössischen Linien verbinden.
Das Ergebnis ist allerdings deutlich weniger opulent, verspielt und atmosphärisch aufgeladen, als man es angesichts der Herkunft des Konzepts aus Dubai und der prominenten Adresse im mondänen Mayfair vielleicht erwarten würde. Statt orientalischem Glamour, dekorativer Überwältigung oder spektakulärer Inszenierung dominieren nüchterne Eleganz, gedämpfte Töne und eine fast asketische Klarheit.
Die Idee dahinter sollte klar sein. Clara Voce möchte nicht, dass das Ambiente mit der Küche um Aufmerksamkeit konkurriert, sondern ihr konsequent die Hauptrolle überlässt.

Der kulinarische Evil-Mastermind hinter dem Trèsind ist Himanshu Saini, einer der derzeit wohl einflussreichsten Protagonisten der progressiven indischen Hochküche. Der ehemalige Schützling von Indian-Accent-Legende Manish Mehrotra ist nicht nur Corporate Chef der gesamten Passion-F&B-Gruppe, sondern auch Chef-Owner des winzigen Trèsind Studio in Dubai, das 2025 als erstes indisches Restaurant der Welt mit drei MICHELIN-Sternen ausgezeichnet wurde.
Sainis erklärtes Ziel ist es, die oftmals noch immer grotesk unterschätzte indische Küche auf die internationale gastronomische Weltbühne zu heben. Dafür seziert er traditionelle indische Gerichte, Aromen und Zubereitungstechniken, setzt sie mit modernsten Methoden neu zusammen und präsentiert sie anschließend in einer Form, die ebenso raffiniert wie spektakulär ist. Trotz aller technischen Finessen und internationaler Einflüsse bleibt seine Küche allerdings stets unverkennbar indisch.
Im Londoner Trèsind steht Saini zwar nicht jeden Abend persönlich am Herd, wacht als kulinarischer Mastermind aber über die gastronomische Linie. Das operative Kommando in der Küche hat Chef Amit Bagyal übernommen, der zuvor unter anderem im Benares, im Kanishka und im Yaatra gearbeitet hat.
Unternehmerisch steht hinter dem Imperium übrigens Bhupender Nath, der Passion F&B gründete und Trèsind ursprünglich als persönliches Passion Project entwickelte. Für die Expansion nach London zeichnet inzwischen dessen Sohn Suyash Nath verantwortlich, der als CEO für das britische und amerikanische Geschäft fungiert.

Bevor das eigentliche kulinarische Spektakel beginnt, platziert der ausgesprochen freundliche Kellner mit großer Geste eine imposante Vase auf dem Tisch. Anschließend gießt er ein mit Kirschblüten aromatisiertes Wasser über das im Gefäß befindliche Trockeneis.
Augenblicklich ergießt sich ein gigantischer Schwall aus dichtem Trockeneisnebel über den gesamten Tisch, während es wunderbar nach Kirschblüten duftet. Laut dem sympathischen Kellner soll der betörende Duft unsere Sinne öffnen und uns auf das bevorstehende kulinarische Erlebnis einstimmen.
Alle, die unseren Artikel über das Carnival by Trèsind, das Fun-Casual-Konzept der Trèsind-Familie, gelesen haben, wissen natürlich längst, dass Himanshu Saini eine geradezu kindliche Freude an solchen theatralischen Spielereien hat. Interessierte Leser finden den Artikel über das Carnival übrigens problemlos über die Suchleiste unseres Blogs.

Das Pani Puri ist eine filigrane, hauchdünn ausgebackene Sphäre, die mit fein aromatisierter Birnen-Brunoise gefüllt ist und auf einem tönernen Shotglas thront. Das Glas enthält ein pikant-fruchtiges Koriander-Rucola-Wasser, das man unmittelbar vor dem Verzehr in die fragile Hohlkugel gießt, bevor man sie als One-Biter im Ganzen in den Mund schiebt.
Auf dem Gaumen implodiert die hauchzarte Sphäre förmlich und setzt ihre gesamte Aromatik geradezu explosionsartig frei. Zunächst spürt man den krachenden Crunch der kollabierenden Hülle, dann die saftig-süße Fruchtigkeit der Birne und schließlich das pikante, kräuterfrische Koriander-Rucola-Wasser, dessen dezente Schärfe und herbe Würze die Süße perfekt ausbalancieren.
Ein spektakulärer Bissen, bei dem Textur, Temperatur, Süße, Säure, Schärfe und Kräuteraromatik exakt im richtigen Moment zusammenfinden. Genau das, was der legendäre Food-Influencer Bernd Zehner vermutlich einen „Perfect Bite“ nennen würde. Wir finden, treffender kann man es kaum formulieren.

Als nächstes erreicht uns eine köstliches Missi Roti, ein würzig-aromatischen Fladenbrots aus Kichererbsen- und Weizenmehl. Das kleine Roti ist außen appetitlich angeröstet, innen noch angenehm weich und besitzt eine wunderbar rustikale, leicht nussige Aromatik.
Dazu wird eine kompakte Scheibe Green-Chili-Butter serviert, die auf dem noch warmen Fladenbrot langsam zu schmelzen beginnt. Die üppige Cremigkeit der Butter verbindet sich dabei perfekt mit der warmen Würze des Missi Roti, während die grünen Chilis für eine frische, präzise dosierte Schärfe sorgen.
Ein erstaunlich schlicht wirkender Gang, der allerdings genau deshalb so überzeugend funktioniert. Wenige Komponenten, klare Aromen und ein ungemein befriedigendes Zusammenspiel aus Wärme, Würze, Fett und dezenter Schärfe.

Die Kaskade der Köstlichkeiten reißt einfach nicht ab. Als Nächstes erreicht uns ein filigraner Taco, dessen hauchzarte Hülle nicht etwa aus Mais, sondern aus hauchdünn geschnittenem Kohlrabi besteht.
Gefüllt ist der semitransparente Kohlrabi-Taco mit einem geradezu unverschämt cremigen Crèmeux, aromatischen Shisoblättern und knusprigen Artischockenchips. Im Mund sorgt der kühle, saftige Kohlrabi zunächst für eine angenehme Frische und einen feinen Biss, bevor sich die ultracremige Patisserie-Creme maximal opulent über den Gaumen legt.
Die Shisoblätter steuern ihre charakteristisch grün-würzige und leicht zitrische Aromatik bei, während der Artischocken-Knusper für den dringend benötigten texturalen Kontrapunkt sorgt. Ein ausgesprochen raffinierter Bissen, bei dem Frische, Cremigkeit, Kräuterwürze und Crunch geradezu mustergültig ineinandergreifen.
Wir sind begeistert und vergeben spontan die absolute Höchstnote von 10 von 10 möglichen Mookpoints!

Als Nächstes erreicht uns eine monumentale Tandoori-Morchel, die in einem leuchtend orangefarbenen See aus samtig-cremigem Yellow-Chilli-Lababdar thront. Die imposante Morchel wurde im Tandoor sanft vom Feuer geküsst und ist dadurch subtil mit Rauch, Glut und den warmen Aromen des Ofens parfümiert, ohne ihre wunderbar saftige und beinahe fleischige Textur zu verlieren.
Auf dem Gaumen entfaltet sie zunächst ihre tiefgründige, erdig-würzige Waldaromatik, die von der feinen Feuerparfümierung des Tandoors geradezu kongenial verstärkt wird. Das opulente Yellow-Chilli-Lababdar umschmeichelt die Morchel mit cremiger Fülle, fruchtiger Tomatigkeit und einer warmen, präzise dosierten Schärfe. Einige Tropfen Chiliöl sorgen für zusätzliche Würze, während der fein geschnittene Frühlingslauch einen angenehm frischen Kontrapunkt setzt.
Besonders raffiniert ist das Zusammenspiel zwischen der fleischigen Textur der Morchel, der seidigen Sauce und dem subtilen Duft des Tandoorfeuers. Trotz ihrer offensichtlichen Opulenz wirkt die Komposition niemals schwer, weil die aromatische Schärfe des Yellow Chilli die cremige Fülle immer wieder elegant durchschneidet. Ein ebenso kraftvoller wie perfekt ausbalancierter Gang.

Jetzt kredenzt uns der Meister den wohl legendärsten Klassiker der indischen Feel-Good-Cuisine, das weltberühmte Butter Chicken. Kaum ein anderes Gericht erfüllt das Versprechen echten Comfort Foods so vollkommen. Es wärmt, sättigt, tröstet und belohnt.
Sein Geburtsort ist für uns das legendäre Moti Mahal im Delhier Stadtteil Daryaganj. Dort sollen die aus Peshawar geflohenen Gastronomen Kundan Lal Gujral, Kundan Lal Jaggi und Thakur Dass nach der Teilung Indiens eine ebenso pragmatische wie geniale Lösung für bereits gegartes Tandoori-Hühnchen gefunden haben. Damit es nicht austrocknete, versenkten sie die Fleischstücke kurzerhand in einer üppigen Sauce aus Tomaten, Butter, Sahne und warmen Gewürzen.
Aus cleverer Resteverwertung entstand so einer der größten Crowdpleaser der indischen Küche. Ein Gericht, das weder provozieren noch intellektuell überfordern möchte. Es will schlicht glücklich machen.
Geschichtsträchtig hin oder her, am Ende zählt natürlich, was auf dem Teller passiert. Das vom Tandoorfeuer subtil parfümierte und wunderbar saftig gebliebene Hühnchen wird von einer seidigen, intensiv tomatigen Makhani-Sauce umschlossen, deren buttrige Opulenz von einer feinen Säure und warmen Gewürzaromatik perfekt ausbalanciert wird. Die Sauce legt sich wie flüssiger Samt über den Gaumen, während die zarte Feuerparfümierung des Hähnchens immer wieder durch die cremige Fülle hindurchscheint.
Ein Gericht, das weder provozieren noch intellektuell überfordern möchte. Es will schlicht glücklich machen. Und genau das gelingt ihm auf geradezu vollkommene Weise.
Das Butter Chicken im Trèsind ist schlicht fabelhaft. Und so schwer es uns auch fällt, müssen wir ehrlicherweise einräumen, dass selbst unser Butter Chicken im Ivory Club nicht viel besser schmeckt.

Als Nächstes erreicht uns ein Bengali Kosha Lamb, das bereits optisch keinen Zweifel daran lässt, dass hier nicht mit Flüssigkeit, sondern mit Zeit, Hitze und maximaler Aromenkonzentration gearbeitet wurde. Die dunkel mahagonifarbene Masala ist so weit einreduziert, dass sie sich beinahe pastös an die langsam geschmorten Lammstücke schmiegt und nur noch an einigen Stellen kleine, glänzende Fettaugen freigibt.
Das butterzarte Fleisch zerfällt bereits beim geringsten Druck der Gabel in saftige Fasern. Auf dem Gaumen entfaltet sich eine ausgesprochen tiefgründige Würze aus karamellisierten Zwiebeln, Ingwer, Knoblauch und warmen Gewürzen. Anders als bei einem flüssigen Curry steht hier nicht die Sauce, sondern die konzentrierte Essenz der Sauce im Mittelpunkt. Süße, Schärfe und erdige Gewürzaromatik haben sich durch das lange Schmoren zu einer dunklen, beinahe malzigen Intensität verdichtet.
Der frische Koriander setzt einen grünen, leicht zitrischen Kontrapunkt zur massiven Würzkraft des Kosha. Ein ebenso rustikales wie raffiniertes Schmorgericht, das mit seiner tiefen Aromatik, seiner fast klebrigen Opulenz und dem wunderbar mürben Lamm sämtliche Comfort-Food-Rezeptoren gleichzeitig aktiviert.

So köstlich indische Currys auch schmecken, so unspektakulär sehen sie häufig aus. Wir ersparen Euch an dieser Stelle deshalb, jedes einzelne Gericht noch ausführlicher zu beschreiben. Eine Sache möchten wir im Kontext der Currys allerdings noch erwähnen. Jedes Curry wird von einem anderen Brot begleitet. Das Butter Chicken beispielsweise von einem klassischen Naan, das Bengali Kosha Lamb von einer Green Pea Kachuri und das Alleppey Fish Curry von einem Malabar Paratha.

Wusstet Ihr eigentlich, dass Indien nicht nur die Heimat der facettenreichsten Ethnoküche der Welt ist, sondern auch das Land der tausend Brote? Bei den meisten Deutschen erschöpft sich das Wissen über die indische Brotkultur allerdings schon bei Pappadam, Chapati, Naan, Roti, Paratha und Dosa.
Darüber hinaus gibt es aber noch Luchi, Sheermal, Appam, Bakshalu, Baati, Kachori, Puran Poli, Taftan, Thalipeeth, Uttapam und Sanna. Die Liste ließe sich an dieser Stelle beinahe unendlich fortführen. Selbst den kulinarisch geschulten Mitgliedern der Mook-Redaktion ist es kaum möglich, die enorme Vielfalt der indischen Brot- und Fladenwelt in ihrer ganzen Dimension zu überblicken.

Zum süßen Finale erreicht uns ein Filterkaffee-Cornetto mit Miso-Eiscreme und Schokoladenganache. Auf einem kompakten Sockel aus intensiv schokoladiger Ganache thront die wunderbar cremige Miso-Eiscreme, gekrönt von einem filigranen, mit Blattgold verzierten Cornetto-Knusper.
Auf dem Gaumen verschmelzen die herben Röstaromen des Filterkaffees mit der dunklen Schokolade und der sanften Süße der Eiscreme. Das Miso steuert eine subtile Salzigkeit und fein dosierte Umami-Tiefe bei, die verhindert, dass die Komposition auch nur für einen Moment ins Klebrig-Süße abdriftet. Der krachende Cornetto-Knusper sorgt dabei für den dringend benötigten texturalen Kontrapunkt.
Das Ganze schmeckt wundervoll und erinnert uns mit seiner Kombination aus Schokolade, Karamell, cremigem Eis und knuspriger Waffel überraschend deutlich an das legendäre Brauner-Bär-Eis von Langnese. Allerdings in einer spektakulär verfeinerten Fine-Dining-Version für Erwachsene. Ein herrlich nostalgisches Dessert, das gleichzeitig vertraut und vollkommen neu schmeckt.

Wir waren übrigens mittags im Trèsind. Zu dieser Tageszeit wurde bei unserem Besuch ausschließlich ein kompaktes Chef’s Tasting Menu serviert. Das große Degustationsmenü am Abend dürfte sicherlich noch einmal spektakulärer ausfallen, doch bereits das kleinere Chef-Menü zeigt unmissverständlich, welch enormes Potenzial in dem neuen Londoner Ableger steckt.
Wir sind uns jedenfalls ziemlich sicher, dass das Trèsind bei nächster Gelegenheit mindestens einen MICHELIN-Stern erhalten wird. Kulinarisch besitzt das Restaurant unserer Einschätzung nach sogar das Potenzial, sich langfristig zwei oder vielleicht sogar drei Sterne zu erkochen.
Zum Schluss wollen wir Euch natürlich auch noch verraten, was der ungewöhnliche Name bedeutet. Trèsind setzt sich aus dem französischen Wort „très“ für „sehr“ und der Kurzform „Ind“ für „indisch“ zusammen. Trèsind bedeutet also nicht weniger als „sehr indisch“. Treffender hätte man das Restaurant tatsächlich kaum nennen können.
