Aufmerksame Leser unseres Newsletters haben ja erst kürzlich gelernt, dass das Wort „Übergewinn“ genauso absurd ist wie das Wort „Steuergeschenk“. Eigentlich gehörten beide Begriffe auf Platz eins und zwei einer All-Time-Hall-of-Fame politischer Unwörter. Trotzdem träumen Politiker einer bestimmten Couleur mit bemerkenswerter Beharrlichkeit weiter von einer Übergewinnsteuer. Leider kommt ihnen dabei die derzeitige Empörung über hohe Benzinpreise äußerst gelegen, weil sich aus berechtigtem Alltagsfrust sehr elegant politisches Kapital schlagen lässt. Dementsprechend vehement nutzen sie die Gunst der Stunde, um unter dem Deckmäntelchen der Gerechtigkeit eine politisch wie fiskalisch äußerst lukrative Büchse der Pandora zu öffnen. Das eigentliche Problem in Deutschland besteht allerdings nicht darin, dass einige wenige Firmen Übergewinne machen, sondern darin, dass immer mehr Firmen nur noch „Untergewinne“ machen.
Außerdem stellt sich die Frage, ab wann Gewinne überhaupt Übergewinne sind und wer das bestimmen soll: Finanzminister Lars Klingbeil oder doch lieber eine Expertenkommission aus Marcel Fratzscher, Maurice Höfgen und Ulrike Herrmann? Und was passiert, wenn der Begriff Übergewinn erst einmal fiskalisch etabliert ist? Wer sagt denn, dass die Schwelle dann nicht immer weiter nach unten verschoben wird, bis aus „Übergewinnen“ irgendwann nur noch Mikrogewinne geworden sind. Zunächst träfe es nur einige große Energiekonzerne und internationale Plattformunternehmen, danach den industriellen Mittelstand und später jeden kleinen Familienbetrieb, der in einem guten Jahr überdurchschnittlich gut verdient hat. Aus dem angeblichen Instrument gegen extreme Ausnahmefälle könnte so sehr schnell ein breites Werkzeug zur systematischen Abschöpfung wirtschaftlichen Erfolgs werden.
Wer mit der Idee kokettiert, Kosten und Risiken zu privatisieren, Gewinne aber über eine staatliche Deckelung zu sozialisieren, erzeugt ein Klima, in dem kein vernünftiger Investor mehr investieren will. Um das zu verstehen, bedarf es keiner komplexen Sharpe-Ratio-Berechnung. Dafür reicht bereits ein gesundes Minimum an ökonomischem Sachverstand und ein nüchterner Blick in die Wirtschaftsgeschichte. Wo der Staat beginnt, legitime Gewinne nicht mehr als faire Gegenleistung für hohes Risiko, Kapitalbindung und unternehmerisches Engagement zu begreifen, sondern als moralisch anrüchigen Ausnahmezustand, dort wird aus Investitionsbereitschaft sehr schnell Investitionsflucht und aus sozialer Marktwirtschaft Sozialismus.
Das Signal der Politik an die Wirtschaft ist auch ein klares Signal an alle Wirtschaften. Kein vernünftig denkender Wirt sollte heute noch ein handwerklich seriös arbeitendes Restaurant eröffnen oder einen Cent in ein bestehendes Restaurant mit hoher Fertigungstiefe investieren. Nun weiß natürlich jeder, der unseren kleinen Newsletter aufmerksam verfolgt, dass wir nicht vernünftig sind und ständig Dinge tun, die kein vernünftiger Mensch jemals tun würde. Wir machen beispielsweise unsere Kalkulation regelmäßig an ganz konkreten Beispielen komplett transparent, kritisieren unsere eigenen Gäste, loben andere Restaurants und ja, wir sind sogar so verrückt, selbst heute noch in unsere Restaurants zu investieren.
Offen gesagt haben wir in letzter Zeit sogar eine regelrechte Investitionsoffensive gestartet. Wir haben beispielsweise im Mon Amie Maxi eine komplett neue Küche eingebaut, im M-Steakhouse eine neue Markise installiert, im Zenzakan nicht nur massiv in neue Küchentechnik investiert, sondern auch neue Stäbchenbänke, neue Teppiche und sündhaft teure Varieté-Leuchten gekauft.
Angesichts der Tatsache, dass der Staat ständig nur mit neuer Bürokratie und höheren Steuern droht, ist das eine wirklich nicht sehr kluge Idee. Aber vielleicht braucht ein Land in schweren Zeiten eben keine neuen Neidsteuern, paternalistischen Lenkungssteuern und Übergewinnsteuern, sondern mutige Unternehmer, die jeden kaufmännischen Sachverstand über Bord werfen und selbst in diesen maximal entrepreneurfeindlichen Zeiten noch antizyklisch investieren, Arbeitsplätze sichern, den Wirtschaftsstandort stärken und mit ihrem eigenen Geld auf eine Zukunft wetten, die andere längst abgeschrieben haben.
