Mittlerweile ist es sicherlich kein Geheimnis mehr, dass wir riesige Fans von Tom Hillenbrand sind.
Der äußerst vielseitige Journalist und Autor schreibt nicht nur hochkomplex konstruierte Science-Fiction-Bücher und historische Abenteuerromane, sondern auch ganz fabelhafte kulinarische Feel-Good-Krimis. Wir schätzen Tom allerdings nicht nur als Autor, sondern auch als Gast und Freund des Hauses, den wir bereits mehrfach in unseren Etablissements begrüßen durften.
Dementsprechend freuen wir uns, verkünden zu dürfen, dass am 5. November 2026 mit „Höllenfang“ der mittlerweile neunte Band aus der überaus erfolgreichen Xavier-Kieffer-Reihe erscheint. Diesmal ermittelt der leidenschaftliche Koch und unfreiwillige Detektiv in der französischen Normandie im Milieu einer dubiosen Fischmafia, die offenbar selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Das klingt nach einem klassischen Hillenbrand und erneut nach Spannung und vielen kulinarischen Abenteuern.
Aus diesem Anlass kamen wir auf die Idee, mit Tom ein kurzes Interview zu führen. Herausgekommen ist ein ebenso kleiner wie feiner Plausch über Literatur, Kulinarik, die Mook Group und natürlich über seinen neuen Krimi „Höllenfang“.
Du schreibst nicht nur kulinarische Krimis, sondern auch Science-Fiction und andere Romane. Empfindest Du selbst eines dieser Felder als Deine eigentliche literarische Heimat oder reizt Dich gerade der Seitenwechsel zwischen den Genres?
Grundsätzlich gesprochen gibt es meiner Meinung nach Künstler, die eher das Modell Keith Richards bevorzugen. Immer dieselben Akkorde, immer dieselbe Musik und das dann in Perfektion. Andere möchten sowohl sich selbst als auch ihr Publikum immer wieder mit etwas Neuem konfrontieren. Das wäre eher das Modell David Bowie, bei dem du nie wusstest, wie die nächste Scheibe klingt.
Ich neige eher dem Bowie-Modell zu, vielleicht weil mir schnell langweilig wird, vielleicht auch, weil ein neues Genre mich immer wieder herausfordert. Ein bisschen Unsicherheit ist gut für die Kreativität. Krimi, Science Fiction, historischer Roman, Thriller, ich probiere alles aus. Mal sehen, was als Nächstes kommt.
Würdest Du sagen, dass die kulinarischen Stoffe bei Deinen Lesern die beliebtesten sind, oder täuscht dieser Eindruck?
Was die Verkaufszahlen angeht, trifft das sicherlich zu. Wobei das nicht nur am kulinarischen Aspekt liegt, sondern auch ganz stark daran, dass der Kriminalroman in Deutschland auflagenmäßig nach wie vor alles andere plattmacht. Nichts lesen die Leute lieber als Mordfälle.
Wie viel Journalist steckt noch in Deinem Schreiben und wie viel Romancier?
Das journalistische Handwerk ist hilfreich, vor allem dann, wenn man viel recherchiert, wie zum Beispiel bei meinem historischen Roman „Die Erfindung des Lächelns“ über den Raub der Mona Lisa. Da fallen riesige Mengen Material an.
Beim Schreiben von Belletristik sollte man sich dann allerdings von den journalistischen Gewohnheiten verabschieden. Bei kurzen Sachtexten muss man dicker auftragen und sehr direkt erklären, worum es geht. Beides funktioniert bei einem Roman nicht, der Leser wäre schon nach wenigen Seiten genervt. Bei der Recherche darf der Ex-Journalist also gerne helfen, danach muss er aber verduften.
Gibt es Themen, bei denen die Recherche so spannend war, dass Du beinahe Gefahr gelaufen bist, mehr Dokumentarist als Erzähler zu werden?
Die Gefahr besteht. Es gibt immer noch eine weitere interessante kulinarische oder historische Anekdote, die man irgendwo hineinquetschen könnte. Aber man muss sich natürlich immer fragen, ob das der Handlung und der Geschichte dienlich ist. Ich schmeiße locker 60 bis 70 Prozent dessen, was ich recherchiert und aufbereitet habe, am Ende wieder weg. Die Leute wollen ja einen spannenden Roman und keine Doktorarbeit.
Dein nächster kulinarischer Krimi „Höllenfang“ erscheint am 5. November. Was hat Dich an diesem Stoff diesmal am meisten gereizt, das kulinarische Setting, der Fall selbst oder das, was hinter dem Fall gesellschaftlich sichtbar wird?
In diesem Krimi geht es um den populärsten Speisefisch, den Lachs. Dahinter verbirgt sich eine gigantische und nicht sehr appetitliche Industrie. Der Fisch stammt inzwischen praktisch vollständig aus Aquakultur, Wildlachse sind fast ausgestorben.
Ich fand dieses Lebensmittel auch deshalb so faszinierend, weil man hier sieht, wie gute Absichten ins Gegenteil verkehrt werden. Fisch in Aquakultur zu züchten, statt Flüsse und Meere leer zu fischen, das klingt ja erst einmal gut. Im Endergebnis ist dadurch aber alles nur noch schlimmer geworden. Das ist in der Lebensmittelbranche ja leider des Öfteren so. Masse führt immer zu Kollateralschäden.
Du warst im Rahmen Deiner Recherchen ja bereits bei uns im Zenzakan und im Mon Amie Maxi. Inwiefern helfen Dir solche realen Orte beim Schreiben wirklich weiter und inwiefern sind sie am Ende doch nur ein Zündfunke für etwas völlig Neues?
Für mich ist es immer total inspirierend, in spannende Restaurants, in Küchen und auch in Lebensmittelproduktionen hineinzuschauen. Im Gespräch mit den Leuten, die dort arbeiten, erfährst du Dinge, die du nirgendwo nachlesen oder nachhören kannst. Es ist ein bisschen so, wie Hunter S. Thompson einmal gesagt hat: „The truth is never told in the 9 to 5 hours.“
Die Mook Group arbeitet seit Jahren sehr stark mit Atmosphäre, Konzepttiefe und klaren Identitäten. Ist ein Restaurant für Dich literarisch dann am spannendsten, wenn es mehr sein will als bloß ein Ort zum Essen?
Unbedingt, denn ich bin davon überzeugt, dass sich bei einer kulinarischen Erfahrung das eigentliche Essen auf dem Teller nie von der Atmosphäre, von den Leuten und von den Assoziationen trennen lässt, die man dabei hat.
Wenn Leute von der besten gegrillten Languste ihres Lebens in einem kleinen Restaurant auf Mykonos schwärmen, dann hat daran die Languste ihren Anteil und der Koch auch, aber die Sonne, das Meer und die Freunde am Tisch waren mindestens genauso ausschlaggebend.
Auch darum sind die Mook-Restaurants etwas Besonderes, weil sich hier jemand bei jedem einzelnen Detail Gedanken gemacht hat und das merkst du sofort. Wenn du im Mon Amie Maxi reinkommst und diesen geilen Brasserie-Vibe aufnimmst, schmeckt dir das ohnehin exzellente Escalope de poulet à la Savoyarde dann vielleicht noch besser. Ich denke schon.
Welche Frage über Dein Werk wird Dir fast nie gestellt, obwohl sie eigentlich längst überfällig wäre?
Wo hast du das alles geklaut, Hillenbrand? Hat noch keiner gefragt. Die Leute sind einfach zu höflich, dabei wäre die Frage durchaus berechtigt. Literatur, ja Kunst im Allgemeinen, ist immer Diebstahl. Alles, was aus der Feder fließt, kommt irgendwoher.
Das Seltsame ist allerdings, dass ich das häufig gar nicht beantworten könnte. Das Gehirn ist ein seltsames Gerät. Mein Küchendetektiv Xavier Kieffer zum Beispiel, da weiß ich bis heute nicht, worauf der basiert oder wo der herkommt. Die Antwort ist wahrscheinlich: Wir Schriftsteller klauen wie die Elstern, aber genau wie die können wir uns hinterher nicht mehr daran erinnern, wo wir eigentlich geklaut haben.
Gibt es ein Gericht, zu dem Du immer wieder mit besonderer Freude zurückkehrst?
Mein persönliches Wohlfühlgericht ist Coq au Riesling, also die helle elsässische Version des Coq au Vin. Überhaupt würde ich, wenn ich ab morgen nur noch eine einzige Küche essen dürfte, mich vermutlich für französische Landküche entscheiden. Die ist zugleich rustikal und raffiniert. Davon bekomme ich nie genug.
Gibt es eine Küche, die in Deutschland aus Deiner Sicht noch immer systematisch unterschätzt wird?
Absolut unterschätzt finde ich nach wie vor die griechische Küche. Die Deutschen haben sie leider auf Gyros, Tzatziki und Souvlaki reduziert. Dabei ist die Vielfalt vor allem der griechischen Inselküche beachtlich. Die Vorspeisen sind Wahnsinn, oft kochen die Leute dort mit lokalen Kräutern oder Gemüsen, die du noch nie im Leben gegessen hast. Daraus könnte man auch gastronomisch einiges machen. Es wäre aber vermutlich ein beschwerlicher Weg, weil das hiesige Image nicht besonders gut ist.
Autorenfoto: © Heike Bogenberger. Mit freundlicher Genehmigung zur ausschließlichen Nutzung auf diesem Blog.