Allein in den vergangenen Monaten haben dort mit Lilibet’s, Fenix, Berenjak Mayfair und dem wiedereröffneten Simpson’s in the Strand gleich mehrere absolute Top-Notch-Projekte ihre Pforten geöffnet, die eindrucksvoll zeigen, dass London trotz fiskalischer Selbstsabotage noch immer nichts von seiner magnetischen Anziehungskraft auf ambitionierte Gastronomen, kapitalkräftige Investoren und internationale Gourmets eingebüßt hat.
Jetzt wurde uns auch noch zugetragen, dass Richard Caring, der schillernde Lupus-Alpha der Over-the-Top-Gastronomie, Martin Brudnizki, dem unangefochtenen Heavyweight Champion der globalen Hospitality-Architektur, erneut eine Carte blanche für ein neues Restaurantkonzept erteilt hat. Und jeder, der unsere Berichterstattung schon länger verfolgt, weiß, was das bedeutet.
Mit Martin Brudnizki verpflichtet man nicht irgendeinen x-beliebigen Interiordesigner, sondern man entfesselt einen ästhetischen Berserker, der nur ein Ziel kennt, nämlich die totale Eskalation. Jeder, der schon einmal unter der fauvistischen Gouaches-découpées-Decke im Sexy Fish ein Toro Nigiri genießen durfte, unter den gigantischen Damien-Hirst-Skulpturen von Medusa, Pegasus und dem geflügelten Markuslöwen im Bacchanalia ein paar Linguine mit der Gabel aufgerollt hat oder an der rosa illuminierten Estremoz-Marmor-Bar des Annabel’s an einem Rob Roy nippen durfte, wird diese Tatsache sofort bestätigen.
Jetzt wird es allerdings noch besser. Richard Caring plant nämlich, das legendäre Le Caprice wieder zum Leben zu erwecken. Und wer die Londoner Hospitality-Szene auch nur halbwegs kennt, weiß, dass es sich dabei nicht um irgendein irrelevantes Stadtteilrestaurant handelte, sondern um eine gesellschaftliche Bühne, die über Jahrzehnte das Epizentrum von Stil und Glamour war. Ein Habitat für eine Klientel, die nicht einfach nur essen ging, sondern sich selbst in Szene setzte. Das Publikum war dabei eine elektrisierende Mischung aus coolen Sloane Rangers, eleganten Bond-Street-Ladies, selbstbewussten Ultra-High-Net-Worth-Individuals, rebellischen Rockstars, stylischen Mayfair-Flaneuren, exzentrischen Artheads und extrem attraktiven Kurtisanen. Le Caprice war also nie bloß ein Restaurant, sondern ein magischer Ort, an dem Diskretion und Exhibitionismus in einer seltenen, fast paradoxen Balance koexistierten.
Dass Richard Caring ausgerechnet diesen legendären Mythos reanimieren will, ist couragiert und zeigt wieder einmal eindrucksvoll, in welchen Dimensionen er denkt und operiert. Die Wiederbelebung einer derart ikonischen Institution ist schließlich kein gewöhnliches Restaurantprojekt, sondern ein Drahtseilakt mit beträchtlicher Fallhöhe.
Wenn es derzeit irgendjemand schaffen kann, eine solche kulturelle Ikone mit neuer gesellschaftlicher Gravitas aufzuladen, dann allerdings das dynamische Duo aus Richard Caring und Martin Brudnizki. Der eine verfügt über ein nahezu unheimliches Gespür für gesellschaftliche Magnetfelder, der andere über die seltene Gabe, Räume von einer emotionalen Wucht zu erschaffen, die man nie wieder vergisst.
Wir haben übrigens schon sehr früh das schier grenzenlose Potenzial von Martin Brudnizki erkannt und ihn für das Mook Magazin No. 6 bereits zu Beginn seiner Karriere interviewt. Die physische Ausgabe ist natürlich schon lange vergriffen. Als PDF kann man das Magazin auf dem Mook-Magazin-Blog aber noch immer kostenlos herunterladen. Einfach oben rechts das Hamburger-Menü anklicken und unter der Rubrik Editionen das Mook Magazin No. 6 herunterladen.
