Wir hatten Euch ja schon erklärt, dass es sich beim Konzept des Mianzi um die zutiefst chinesische Vorstellung vom sozialen Ansehen handelt, das ein Mensch in den Augen seiner Mitmenschen genießt. Mianzi ist kein oberflächliches Statusbedürfnis, sondern eine ernstzunehmende soziale Währung, die man erwerben, anhäufen und auch verlieren kann. Wer großzügig ist, wer einlädt, wer gibt, ohne kleinteilig zu rechnen, gewinnt an Mianzi. Wer knausert, wer sich drückt oder die Restaurantrechnung stillschweigend einem anderen überlässt, riskiert, Mianzi einzubüßen und als geiziger „Tie Gongji“ zu gelten, als „eiserner Hahn“, dem man keine einzige Feder ausrupfen kann.
Deshalb ist es in China durchaus üblich, dass das Bezahlen im Restaurant geradezu spielerisch ritualisiert wird. Es gehört förmlich zum guten Ton, sich nach dem Essen mit sportlichem Ehrgeiz darum zu streiten, wer die Zeche übernehmen darf. Jeder möchte die Ehre haben, die anderen einzuladen. Denn wer zahlt, mehrt sein Mianzi, beweist Großzügigkeit, signalisiert Wohlstand und bringt seine Wertschätzung für die Anwesenden zum Ausdruck.
Während in China beim Bezahlen also derjenige an Mianzi gewinnt, der die Rechnung möglichst souverän und großzügig an sich reißt, funktioniert die soziale Choreografie in Japan komplett anders. Hier setzt das japanische Prinzip des Warikan an, bei dem es darum geht, eine gemeinsame Restaurantrechnung nicht demonstrativ an sich zu reißen, sondern möglichst ohne Hierarchiekämpfe oder kleinliche Rechnereien harmonisch unter den Anwesenden aufzuteilen.
Gemeint ist damit also gerade nicht die deutsche Variante des pedantischen Einzelabrechnens, bei der am Ende gemeinsam mit dem Kellner endlos und mit forensischer Präzision versucht wird, zu rekonstruieren, wer zwei Mispelchen mehr, einen Handkäse weniger oder ein Geripptes zu viel bestellt hat.
Warikan bedeutet in Japan vielmehr, dass die Rechnung unabhängig vom individuellen Verzehr in gleiche Teile geteilt wird. Haben also fünf Personen gemeinsam gegessen, wird die Gesamtrechnung schlicht durch fünf geteilt.
In der Praxis läuft das meistens erstaunlich unspektakulär ab. Häufig zahlt eine Person zunächst die gesamte Rechnung an der Kasse, während die anderen ihren Anteil vorher oder danach beisteuern. Oft wird auch schon am Tisch Bargeld eingesammelt und dann gemeinsam zur Kasse gebracht. Heute läuft ein solches Warikan gerade unter jüngeren Japanern zunehmend auch digital und vollkommen geräuschlos per Payment-App ab.
Wichtig ist dabei, dass in Japan traditionell meist nicht am Tisch, sondern vorne an einer zentralen Kasse bezahlt wird. Das Geld wird also normalerweise nicht einfach wie in einem amerikanischen Diner auf dem Tisch liegen gelassen.
Gerade diese pragmatische, geräuschlose Abwicklung ist Teil des Warikan-Prinzips. Man bezahlt, ohne daraus ein kleines Statusdrama oder eine deutsche Abrechnungskonferenz zu machen.
