Die deutsche Politik hat mittlerweile eine komplett bizarre Upside-down-Sprache entwickelt, die frappierend an das absurde Neusprech in George Orwells dystopischem Roman „1984“ erinnert. In dieser euphemistischen Parallelwelt werden aus Schulden einfach Sondervermögen, aus paternalistischer Bevormundung Prävention, aus neuen Lenkungssteuern plötzlich Kinderschutz, aus fairen Steuersätzen „Steuergeschenke“ und aus opulenten Politikergehältern Diäten, ein Begriff, der klar mit Verzicht, Mangel und Askese konnotiert ist.
Es ist deshalb kein Wunder, dass erfahrenen Wirten ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft, wenn Politiker wieder einmal damit drohen, Bürokratie abbauen zu wollen. Denn sie wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung genau, was solche Ankündigungen in der betrieblichen Realität bedeuten: mehr Vorschriften, mehr Kontrollen, mehr Staat und noch mehr teure, riskante und enervierende Bürokratie.
Das jüngste Beispiel für diese groteske Form des Bürokratieabbaus flatterte uns jetzt per E-Mail ins Haus. Nach 29 Jahren Gastronomie hat sich erstmals das Regierungspräsidium Darmstadt bei uns angekündigt, um die Klimaanlagen und Kühlaggregate im Franziska zu inspizieren und sich die dazugehörigen Wartungsunterlagen vorlegen zu lassen. Hintergrund ist das mit der neuen europäischen F-Gase-Verordnung und der seit April 2026 geltenden Klimaschutzverordnung noch einmal verschärfte Regelwerk.
Für den staatlichen Kontrollbesuch mussten wir einen verantwortlichen Mitarbeiter abstellen, sämtliche Anlagen zugänglich machen, alle Wartungsunterlagen zusammensuchen, die vorgeschriebenen Prüfungen lückenlos dokumentieren und im Vorfeld noch einmal eine kostspielige Wartung durchführen lassen. Unser Facility Manager Halil Özdemir schätzt, dass allein Vorbereitung, Wartung und Begleitung inklusive An- und Abfahrt mindestens zweieinhalb Stunden wertvolle Arbeitszeit verschlungen haben.
Dann rückte die Staatsmacht an. Nicht etwa in Gestalt eines einzelnen Kontrolleurs, sondern gleich zu viert. Knapp eine Stunde lang inspizierte die Delegation Kühlhäuser, Weinkühlschränke, Klimageräte, Eiswürfelbereiter, Getränkekühlschränke und Tiefkühlzellen sowie die dazugehörige Dokumentation. Glücklicherweise waren sämtliche Geräte perfekt gewartet und alle Unterlagen vollständig vorhanden. Strafen oder kostenpflichtige Nachkontrollen wird es also nicht geben.
Damit ist die Sache allerdings noch lange nicht erledigt. Schließlich betreiben wir fünf völlig unterschiedlich konzipierte Themenrestaurants, und es ist kaum anzunehmen, dass das Franziska auf Dauer der einzige kontrollierte Betrieb bleiben wird. Aus zweieinhalb Stunden bürokratischer Zusatzarbeit werden so sehr schnell zwölfeinhalb Stunden Arbeitszeit. Zwölfeinhalb Stunden Arbeitszeit für exakt null Euro zusätzlichen Umsatz!
Damit ist die Rechnung allerdings noch lange nicht vollständig. Denn wir bezahlen nicht nur Wartungen, Dokumentationen und die Arbeitszeit unserer eigenen Mitarbeiter, sondern über unsere Steuern natürlich auch noch die vier staatlichen Kontrolleure, die überprüfen, ob wir den zuvor auf eigene Kosten erzeugten bürokratischen Aufwand auch ordnungsgemäß erzeugt haben. Und unser kleines gastronomisches Paralleluniversum ist selbstverständlich kein Einzelfall. Bundesweit sorgt das neue Regelwerk in Betrieben nicht nur für zusätzliche Kosten in Millionenhöhe, sondern auch für zusätzliche Pflichten, Kontrollen, Arbeitsaufwand und potenzielle Bußgelder.
Trotzdem gelten diese zusätzlichen Belastungen bei der „One in, one out“-Regel der Bundesregierung nicht als neues „In“. Warum? Weil die Vorgaben aus Brüssel kommen. Die Kosten sind real, die Bürokratie ist real und der Arbeitsaufwand ist ebenfalls real. Nur in der deutschen Bürokratiebilanz existiert all das nicht als neues „In“. So konnte die Bundesregierung auf dem Papier sogar Bürokratieabbau ausweisen, während in der betrieblichen Realität teure neue Bürokratie aufgebaut wurde.
Deutsche Politiker können ihre Regulierungswut also auf die europäische Ebene verlagern, sich die entsprechenden Vorgaben anschließend aus Brüssel zurückschicken lassen und danach sogar noch behaupten, in Deutschland Bürokratie abzubauen. So geht Bürokratieabbau auf Deutsch!
