
Das Le Coucou ist das neueste Brainchild des sagenumwobenen Gastro-Entrepreneurs Stephen Starr. Seine extrem erfolgreiche Starr Restaurant Group betreibt unter anderem so schillernde Konzepte wie Buddakan, El Vez, Butcher & Singer, Fette Sau und Steak 954. Zusätzlich betreibt Starr gemeinsam mit Iron Chef Masaharu Morimoto das fabelhafte Neo-Izakaya-Multiple Morimoto.
Auch beim Le Coucou setzt Stephen Starr wieder auf ein kongeniales Joint Venture mit einem hochrenommierten Koch. Partner und Chefkoch Daniel Rose hatte zuvor bereits in der Pariser Restaurantszene mit seinen kulinarischen Skills für ordentlich Furore gesorgt. Sein Restaurant „La Bourse et la Vie“ wurde vom beliebten Gastro-Guide „Paris by Mouth“ sogar zum Gewinner in der Kategorie „Klassische Brasserie“ gekürt.
Nun hat Stephen Starr den ambitionierten Yannick-Alléno-Schüler nach New York geholt, um gemeinsam mit ihm die notorisch anspruchsvolle Restaurantszene Manhattans im Sturm zu erobern. Eine Konstellation, die natürlich sofort unsere Aufmerksamkeit geweckt hat.

Verantwortlich für das anheimelnde Interior-Design und die stimmungsvoll orchestrierte Lichtarchitektur zeichnet das in New York ansässige Design-Studio Roman and Williams Buildings and Interiors. Die beiden Gründer Robin Standefer und Stephen Alesch sind für emsige Mook-Magazin-Leser längst keine Unbekannten mehr.
Die sympathischen Kreativköpfe zeichnen beispielsweise für so spektakuläre Locations wie den legendären Boom Boom Room und die stringent komponierte Kingside Brasserie im Viceroy Hotel NYC verantwortlich. Auch prominenten Klienten wie Gwyneth Paltrow und Ben Stiller standen die beiden bereits bei der Gestaltung ihrer New Yorker Residenzen hilfreich zur Seite.
Mark Zuckerberg überließ den visionären Shootingstars sogar gestalterische Carte blanche für die Ausstattung seiner Facebook-Kantine in Menlo Park. Ein ziemlich bemerkenswerter Vertrauensbeweis für ein Design-Duo, das wie kaum ein anderes versteht, historische Referenzen, cineastische Atmosphäre und zeitgenössische Eleganz zu einem unverwechselbaren Gesamtbild zu verdichten.
Wer mehr über das erstaunliche Œuvre des dynamischen Duos erfahren möchte, findet unsere ausführlichen Berichte über die Kingside Brasserie und den Boom Boom Room problemlos über die Suchleiste des Mook Blogs.

Für das ausgesprochen geglückte Design des Le Coucou erhielten Standefer und Alesch Ende 2017 den begehrten AHEAD Award in der Kategorie „Restaurant Design“.
Die beiden emsigen Award-Gewinner sind übrigens wahre Allroundtalente und stammen, genau wie der TAO-Innenarchitekt David Rockwell, ursprünglich aus der Welt des Theater- und Kulissenbaus. Das Paar ist auch im wahren Leben liiert und lernte sich bei der gemeinsamen Arbeit an einer Hollywood-Produktion kennen und lieben.
Aus der Kreativschmiede der beiden Tausendsassas stammen sogar die Sets zu bekannten Hollywood-Produktionen wie „Zoolander“ und „Addicted to Love“. Vielleicht erklärt gerade diese cineastische Vergangenheit, warum ihre Restaurants weniger wie konventionell eingerichtete Gastronomiebetriebe wirken, sondern häufig eher wie sorgfältig komponierte Filmkulissen, in denen jedes Detail Teil einer größeren Inszenierung ist.

Die Speisekarte im Le Coucou liest sich wie eine liebevolle Hommage an die großen kulinarischen Urgesteine Georges Auguste Escoffier und Jean Anthelme Brillat-Savarin. Der frankophilen New Yorker Hautevolée serviert man hier noch jene wunderbar nostalgischen Feel-Good-Klassiker, die andernorts längst von modischen Konzeptgerichten verdrängt wurden.
Auf der Karte finden sich beispielsweise Seezunge à la Véronique, Kalbsbries mit Tomaten-Estragon-Sauce, Rochenflügel mit Kapern-Paprika-Jus, Kalbszunge mit Osietra-Kaviar und Crème fraîche, Blutwurst mit Piment d’Espelette, Hechtklößchen in Hummersauce sowie ein fabelhaftes Potpourri aus köstlichen Kanincheninnereien.
Allein diese Auswahl zeigt, wie wenig Interesse man im Le Coucou daran hat, dem jeweils neuesten kulinarischen Zeitgeist hinterherzulaufen. Stattdessen zelebriert das Haus mit erstaunlicher Konsequenz genau jene opulente, handwerklich geprägte französische Küche, die heute fast schon wieder subversiv wirkt.
Das Le Coucou ist wahrlich ein zivilisierter Hort kulinarischer Erbauung.

Das Le Coucou liegt zwar mitten im quirligen Szeneviertel SoHo, die illustre Klientel scheint augenscheinlich dennoch zu einem erheblichen Teil aus der Upper East Side herüberzupendeln. Viele Herren tragen gedeckte Paisley-Krawatten und dunkle Madison-Fit-Blazer von Brooks Brothers. Dazwischen entdeckt man allerdings auch einige deutlich downtowniger gekleidete Exemplare mit scharf geschnittenen Thom-Browne-Anzügen und schwarzen Brillen von Moscot.
Auch die intellektuelle New Yorker Damenwelt scheint modisch ausgesprochen gut sortiert. Elegante Perlen-Pumps von Nicholas Kirkwood treffen auf klassische Pencil-Cut-Kleider von Lanvin und dezente Clutch-Bags von Roger Vivier. Das gesamte Publikum wirkt dabei fast so sorgfältig kuratiert wie das Interieur selbst.
Hier übrigens noch ein kleiner Blick in die wunderschöne Bespoke-Küche aus dem Hause Athanor Fourneaux. Auch hinter den Kulissen wird also nicht gekleckert, sondern geklotzt.

Würde Bret Easton Ellis seinen legendären Protagonisten Patrick Bateman heute noch einmal durch die imposanten Wolkenkratzerschluchten Manhattans streifen lassen, auf der verzweifelten Suche nach einem akzeptablen Sea Urchin Ceviche, würde die Odyssee ziemlich sicher im Le Coucou enden.
Momentan ist das lässige Restaurant im angesagten SoHo mit Abstand eine der heißesten Adressen der Stadt. Kurzfristig einen Tisch zu ergattern, gestaltet sich entsprechend ähnlich grotesk wie im fiktiven Dorsia. Die Reservierung ist fast schon Teil des Erlebnisses.
Um unsere tiefe Bewunderung für das literarische Œuvre von Bret Easton Ellis angemessen zu dokumentieren, beginnen wir unsere kulinarische Tour de Force deshalb selbstverständlich standesgemäß mit einer köstlichen Seeigel-Kreation aus dem Hause Starr.

Als nächsten Gang serviert uns Chefkoch Daniel Rose ein paar Stangen pochierten Lauch mit Haselnüssen. Ein wahrlich köstliches kleines Horsd’œuvre, das mit seiner kargen Schönheit beinahe an die ätherische Simplizität eines abstrakt-expressionistischen Farbfeldgemäldes von Mark Rothko erinnert.
Allerdings ist sich die Mook Redaktion nicht ganz sicher, ob diese schlichten Strünke auch von jedem deutschen Gast sofort in ihrer archaischen Erhabenheit verstanden würden. Unsere eigenen Versuche, ähnlich puristische Solitär-Gerichte wie Carottes Râpées oder Céleri Rémoulade im „Mon Amie Maxi“ dauerhaft zu installieren, sind jedenfalls bislang kläglich gescheitert.
Offenbar verlangt die konsequente Reduktion auf ein einziges, vermeintlich banales Produkt nicht nur vom Koch eine gewisse Chuzpe, sondern auch vom Gast ein gehöriges Maß an kulinarischem Vertrauen.

Als Nächstes entscheiden wir uns für Tomates à l’Antiboise. Das nahezu monochrome Nachtschattengewächs ist geradezu die materialisierte Antithese zur aktuell so beliebten Pipettenküche. Nach Myriaden von Dots, Brushstrokes, Airs, Schäumchen und sphärisierten Liquids wirkt diese radikale gestalterische Reduktion beinahe schon wie ein kulinarisches Befreiungsmanöver.
Keine komplizierte Tellerarchitektur, keine dekorative Pyrotechnik und kein verzweifelter Versuch, aus einer Tomate ein avantgardistisches Gesamtkunstwerk zu konstruieren. Stattdessen steht das Produkt mit beinahe provokanter Selbstverständlichkeit im Mittelpunkt. Ein wahrhaft erfrischend schlichter Anblick.

Gefüllt ist die köstliche Tomatensphäre mit einer fein abgestimmten Farce aus Thunfisch, Oliven, Gewürzgelatine und den traditionellen Kräutern der Provence. Die mediterrane Füllung verleiht dem vermeintlich so schlichten Solitär plötzlich erstaunliche aromatische Tiefe und bildet einen spannenden Kontrast zur kühlen, fast asketischen Optik des Tellers.
Eine wahrlich delikate Ouvertüre, die sehr schön zeigt, wie viel kulinarische Raffinesse sich hinter demonstrativer Einfachheit verbergen kann.

Ja, Ihr seht richtig: Im Le Coucou gibt es tatsächlich ein Coquilles-Saint-Jacques-Ceviche. Die Jakobsmuschel wird dabei angenehm puristisch inszeniert und mit einer hellen, fast transluzenten Marinade serviert, die dem zarten Fleisch Frische und eine feine Säure verleiht.
Optisch wirkt die Kreation beinahe ätherisch. Helle Jakobsmuschel, feine Gelatine- oder Gemüseelemente und wenige dunkle Akzente verschmelzen zu einem fast monochromen Tellerbild. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich Daniel Rose trotz aller Liebe zur klassischen französischen Küche gelegentlich auch einen kleinen Ausflug in deutlich modernere Gefilde erlaubt.
Das Ergebnis ist jedenfalls ebenso delikat wie fotogen und beweist, dass Ceviche nicht zwangsläufig nach Lima aussehen muss.

Das köstliche Kalbsbries wird vom Meister in einer mit Estragon aromatisierten Tomatenreduktion serviert. Das sublime Säurespiel der tomatisierten Buttersauce korrespondiert hervorragend mit der wunderbar cremigen Konsistenz der lymphatischen Thymusdrüse und verleiht dem ansonsten ausgesprochen üppigen Gericht eine bemerkenswerte Frische.
Gerade diese Balance aus Säure, Butter, Estragon und der fast schmelzenden Textur des Bries macht die Kreation so überzeugend. Geschmacklich steht das Ris de Veau im Le Coucou dem Kalbsbries im „Mon Amie Maxi“ damit in nichts nach.

Gerichte wie Pilotfisch mit Tulpen und Zimt oder Freiland-Tintenfisch werden Bret-Easton-Ellis-Fans auf der Speisekarte des Le Coucou zwar vergeblich suchen, dafür wartet das Haus mit einem köstlichen Rochenflügel und einer süßen Paprika-Kapern-Vinaigrette auf.
Der kräftige, leicht gelatinöse Fisch harmoniert hervorragend mit der pikant-säuerlichen Würze der Kapern und der milden Süße der Paprika. Gerade diese Kombination verleiht dem rustikalen Klassiker eine erstaunliche Leichtigkeit und zeigt einmal mehr, wie souverän Daniel Rose traditionelle französische Produktküche mit einer etwas moderneren Aromatik verbindet.
Ein Gericht, das Patrick Bateman vermutlich ebenso goutiert hätte wie wir.

Als Nächstes serviert uns der Meister eine Seezunge à la Véronique, einen jener wunderbar nostalgischen Klassiker der großen französischen Küche, die heute leider nur noch erstaunlich selten auf Speisekarten zu finden sind.
Die klassische Véronique-Sauce basiert auf Sahne, Fischfond, Noilly Prat, kernlosen grünen Trauben und einem Spritzer Zitronensaft. Die Zugabe von Pfifferlingen ist deshalb eine ebenso unorthodoxe wie ausgesprochen sinnvolle Kreativleistung von Chefkoch Daniel Rose. Ihre leicht erdige Aromatik ergänzt die feine Süße der Trauben und die elegante Säure der Sauce erstaunlich harmonisch.
Übrigens soll Georges Auguste Escoffier das Rezept einst nach der gleichnamigen Operette „Véronique“ von André Messager benannt haben. Eine hübsche kulinarhistorische Anekdote, die hervorragend zu einem Gericht passt, das selbst wie ein kleines Relikt aus der großen Epoche der klassischen französischen Haute Cuisine wirkt.

Auch ein paar handwerklich tadellose Lammkoteletts finden sich auf der Karte des Le Coucou. Sauber gebraten, präzise gegart und ganz ohne überflüssige kulinarische Verrenkungen. Genau jene schnörkellose französische Produktküche, die wir grundsätzlich sehr schätzen.
Wer die Küche des „Mon Amie Maxi“ liebt, wird deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Le Coucou ausgesprochen zufrieden verlassen. Bei den Lammkoteletts erlauben wir uns allerdings ein kleines Eigenlob: Unsere Version gefällt uns noch einen Tick besser.

Die verwöhnte New Yorker High Society bettelt derzeit förmlich um Einlass, und auch die Kritiker überschlagen sich vor euphorischer Begeisterung. Kein Wunder also, dass die junge Crew des Le Coucou ausgesprochen gute Laune hat. Schließlich erlebt man nicht alle Tage, dass ein neues Restaurant innerhalb kürzester Zeit derart souverän zum Darling der gesamten New Yorker Gastro-Szene avanciert.
Der Herr im schwarzen T-Shirt ist übrigens Co-Owner und Chefkoch Daniel Rose, der gemeinsam mit Stephen Starr hinter dem kulinarischen Konzept des Le Coucou steht.

Hier noch ein letzter Blick in die wundervolle Bespoke-Küche aus dem Hause Athanor Fourneaux. Die französische Manufaktur gehört zu den renommierten Spezialisten für maßgefertigte professionelle „Pianos de cuisson“ und blickt nach eigenen Angaben auf mehr als 100 Jahre Erfahrung im Bau solcher Kochanlagen zurück. Jedes Ensemble wird individuell auf Raum, Brigade, Arbeitsabläufe und die Anforderungen des jeweiligen Küchenchefs zugeschnitten und vollständig in Frankreich konzipiert und gefertigt.
Solche gewaltigen Kochblöcke sind eben weit mehr als bloße Ansammlungen von Brennern, Planchas und Öfen. Im Idealfall bilden sie das ergonomische Herz einer Küche und werden praktisch um die Arbeitsweise der Brigade herum gebaut. Kein Wunder also, dass sich Daniel Rose für sein New Yorker Flaggschiff ein solches maßgeschneidertes Präzisionsinstrument in die Küche stellen ließ.

Fin