Gordon Ramsay, das energische Enfant terrible der internationalen Hospitality-Szene, ist sicherlich der umstrittenste Drei-Sterne-Koch der Welt. Seine teils außerordentlich vulgären Wutausbrüche in diversen TV-Formaten sind legendär und sicherlich nicht jedermanns Sache. Auch zu seinen Restaurants, seinen Konzepten und seinen handwerklichen Skills gibt es sehr ambivalente Meinungen.
Dementsprechend wurde auch sein neu eröffnetes Pan-Asian-Restaurant Lucky Cat in der englischen Presse extrem kontrovers diskutiert. Kaum ein anderer Spitzenkoch polarisiert so verlässlich wie Ramsay, und kaum ein neues Restaurant aus seinem Imperium wird ohne Vorbehalte, Erwartungen und mediales Grundrauschen eröffnet.
Allerdings machen wir uns bekanntlich immer gerne ein eigenes Bild. Deshalb haben wir beschlossen, kurz vor dem Lockdown noch einen kurzen Pitstop im neuen Lucky Cat für Euch einzulegen und selbst zu überprüfen, ob Ramsays Ausflug in die Welt der Neo-Izakaya-Küche bloß prominentes Konzepttheater oder tatsächlich ein ernstzunehmender Beitrag zur Londoner Restaurantlandschaft ist.

Für das eklektische Interior ist die legendäre Designschmiede von Afroditi Krassa verantwortlich. Der multidisziplinäre Think-Tank konnte in seiner erstaunlichen Geschichte schon diverse spektakuläre Hospitality-Venues realisieren.
Zu den prominentesten Werken gehören dabei sicherlich die lässige Dabbawala-Hybrid-Formel Dishoom, das beliebte Neo-Tel-Aviv-Konzept Bala Baya und das erstaunliche Perfectionists’ Café von Evil Mastermind Heston Blumenthal.
Das sagenumwobene Fast-Casual-Outlet von Herrn Blumenthal haben wir übrigens schon einmal sehr intensiv unter das gestrenge Mookular genommen. Wer also mehr über seine geniale Airport-Location erfahren möchte, findet den entsprechenden Artikel problemlos über die Suchleiste des Mook-Magazin-Blogs.
Übrigens eine sehr faszinierende und lehrreiche Lektüre.

Laut Afroditi Krassa ist das Interior Design im Lucky Cat von den legendären japanischen Kissa-Nightclubs der 30er Jahre inspiriert.
Damals traf sich die hedonistische Jeunesse dorée von Tokio in den lässigen Jazz-Clubs, um zu trinken, zu essen, Musik zu hören und ausgelassen zu feiern. Es ging also nicht nur um Gastronomie, sondern um Atmosphäre, Nachtleben, Stil, soziale Inszenierung und jenes schwer greifbare Gefühl urbaner Weltläufigkeit.
Da wir selbst nie in den 30er Jahren im Nachtleben von Tokio unterwegs waren, müssen wir hier also auf das Wort von Madame Krassa vertrauen. Allerdings darf man durchaus festhalten, dass die Idee gut zum Lucky Cat passt. Das Restaurant wirkt nicht wie ein streng folkloristischer Japan-Import, sondern eher wie eine elegante, etwas dunklere und bewusst internationalisierte Fantasie asiatischer Großstadtnächte.

Maneki-neko, die gut gelaunte japanische Winkekatze, ist die possierliche Namenstifterin des Lucky Cat. Dementsprechend finden sich praktisch überall kleine Maneki-neko-Figurinen, Katzenreliefkacheln und Lucky-Cat-Logos.
Mal dezent platziert, mal etwas offensiver inszeniert, taucht die winkende Glückskatze immer wieder als charmantes Leitmotiv auf und gibt dem Restaurant jenen spielerischen, leicht popkulturellen Anstrich, der gut zum Neo-Izakaya-Konzept passt. Die Maneki-neko ist hier also nicht nur folkloristisches Deko-Accessoire, sondern ein bewusst gesetztes Branding-Element, das sich durch Raum, Details und visuelle Identität zieht.

Sogar auf der Toilette ist man vor den kleinen Winkekatzen nicht sicher.

Viele Cocktails werden von den charmanten Barkeepern noch mit netten asiatischen Motivbildchen versehen. Eine eigentlich völlig überflüssige Finesse, die uns als detailverliebten Hospitality-Geeks aber große Freude bereitet.
Denn genau solche kleinen, im strengen Sinne nicht notwendigen Gesten unterscheiden am Ende eben ein sauber abgearbeitetes Barprogramm von einem durchinszenierten Restauranterlebnis. Man könnte die Drinks natürlich auch einfach hinstellen. Muss man aber nicht. Im Lucky Cat bekommen selbst die Cocktails noch einen kleinen visuellen Zwinkerer mit auf den Weg.

Auch die Eiswürfel sind mit dem Lucky-Cat-Logo gebrandet. Offensichtlich ist Mister Ramsey tatsächlich genauso detailbesessen wie die Mitglieder der Mook Redaktion.

Frittieren gilt in Deutschland bekanntlich als ein eher profanes Handwerk. In Japan hingegen gilt das Garen in siedendem Fett als hohe Kunst.
Eine Einschätzung, die auch von der Redaktion des renommierten Guide MICHELIN geteilt wird. Allein in Tokio gibt es mittlerweile elf monothematische Tempura-Restaurants mit einem Michelin-Stern. Die Tempura-Restaurants Shunsaiten Tsuchiya, Tempura Kondo und Shunkeian Arakaki wurden vom MICHELIN sogar mit unglaublichen zwei Sternen ausgezeichnet.
Man sieht daran sehr schön, dass Tempura eben nicht einfach nur „frittiert“ bedeutet. Es geht um Temperatur, Teig, Timing, Produktqualität, Textur und jene fast schwerelose Knusprigkeit, die im Idealfall nicht fettig, sondern erstaunlich elegant wirkt.
Wir möchten an dieser Stelle nicht behaupten, dass Gordon Ramsay sich im Frittieren mit diesen grandiosen Großmeistern messen kann. Allerdings sind die Tempura-Kreationen im Lucky Cat durchaus solide exekutiert. Der Teig ist leicht, die Produkte bleiben erkennbar, und das Ganze wirkt eher präzise als plump. Für London, Mayfair und ein international gedachtes Neo-Izakaya-Konzept ist das schon einmal keine schlechte Ausgangslage.

Krosser Schweinebauch vom Robata-Grill. Was kann daran verkehrt sein?
Robatayaki, die altwürdige japanische Kunst des Garens über glühender Holzkohle, gehört ohnehin zu den schönsten Disziplinen der asiatischen Grillküche. Ursprünglich stand dabei weniger Spektakel als vielmehr Präzision im Mittelpunkt: gutes Produkt, starke Hitze, kontrollierter Rauch, kurze Wege zwischen Glut und Gast.
Im Lucky Cat zeigt sich sehr ordentlich, warum diese Technik so überzeugend funktioniert. Der Schweinebauch bekommt außen jene dunkle, leicht karamellisierte Kruste, die sofort Appetit macht, bleibt innen aber saftig, weich und fettglänzend. Dazu etwas Sauce, etwas Würze, etwas Rauch, und schon versteht man wieder, warum Grillen eben nicht zwangsläufig rustikal, sondern durchaus elegant sein kann.
Auch im Zenzakan arbeiten wir bekanntlich mit einem Robata-Grill. Deshalb wissen wir aus eigener Erfahrung, dass diese Art des Grillens weniger mit bloßem Drauflegen und Warten zu tun hat, als mancher Gast vielleicht vermuten würde. Robata verlangt Timing, Temperaturgefühl und ein ziemlich genaues Verständnis dafür, wann Röstaromen gerade noch elegant sind und wann sie ins Bittere kippen.
Beim Schweinebauch im Lucky Cat kippt glücklicherweise nichts. Er ist kross, kräftig, saftig und ziemlich genau das, was man sich unter einem kleinen, unanständig befriedigenden Robata-Snack vorstellt.

Die kleine Sashimi-Selektion im Lucky Cat ist wahrlich exzellent und kann sich qualitativ durchaus mit dem ZENZAKAN messen.
Allerdings ist die spektakuläre Hangiri-Präsentation im ZENZAKAN optisch natürlich noch einmal wesentlich beeindruckender. Dort servieren wir unsere größeren Sushi- und Sashimi-Kombos auf extrem aufwendig dekorierten Hangiris, die nicht nur als Serviergefäß, sondern als kleine kulinarische Bühne funktionieren.
Mit grob geschlagenen Eisblöcken, Bananenblättern, smart illuminiertem Crushed Ice, Reisigfächern, kleinen Bonsai-Bäumen und dramatisch aufsteigendem Trockeneisnebel entsteht eine Inszenierung, die Sushi und Sashimi nicht nur geschmacklich, sondern auch visuell auf ein anderes Niveau hebt.

Alle Sushi-Kreationen im Lucky Cat sind handwerklich tadellos und durchaus schmackhaft.
Der Reis ist sauber gearbeitet, die Fischqualität überzeugt, die Schnitte wirken präzise, und auch die Aromatisierung bleibt erfreulich kontrolliert. Nichts wirkt grob, nachlässig oder beliebig. Man merkt, dass hier mit gutem Produkt und professioneller Routine gearbeitet wird.
Natürlich erfindet das Lucky Cat Sushi nicht neu. Das muss es aber auch nicht. Entscheidend ist, dass die einzelnen Kreationen technisch sauber exekutiert sind, geschmacklich funktionieren und sich stimmig in das Neo-Izakaya-Konzept des Restaurants einfügen.

Der getrüffelte Robata-Cod ist köstlich und besticht durch eine perfekte Kolorierung und einen präzise getroffenen Garpunkt.
Außen zeigt der Fisch genau jene appetitliche, leicht karamellisierte Oberfläche, die man sich von einem guten Robata-Gericht erhofft. Innen bleibt er saftig, glasig und wunderbar zart. Der Trüffel setzt einen luxuriösen Akzent, ohne den feinen Eigengeschmack des Cods komplett zu erschlagen.
Offensichtlich beherrschen die Robata-Meister im Lucky Cat ihr feuriges Handwerk. Denn gerade bei Fisch verzeiht der Grill keine Unachtsamkeit. Ein paar Sekunden zu lang, und aus eleganter Saftigkeit wird trockene Enttäuschung. Hier aber sitzt der Garpunkt ziemlich genau dort, wo er sitzen muss.

Das absolute kulinarische Highlight im Lucky Cat ist aber das Bonito fried Duck Leg Confit.
Die butterzarten und ultrakrossen Katsuobushi-Entenkeulen werden direkt am Tisch zerpflückt und anschließend in einem luftig gedämpften Bao Bun mit Gurke und Hoi-Sin-Sauce verstaut. Schon diese kleine Zeremonie macht Freude, weil sie das Gericht aus der reinen Tellerlogik herauslöst und in ein gemeinsames, fast spielerisches Esserlebnis verwandelt.
Kulinarisch funktioniert der geniale Lucky Punch dann erstaunlich präzise. Die Ente liefert Fett, Tiefe, Röstaromen und diesen herrlich dunklen Umami-Druck, der durch die Katsuobushi-Note noch einmal zusätzlich verstärkt wird. Der Bao Bun bringt Wärme, Weichheit und sanfte Süße ins Spiel. Die Gurke sorgt für Frische, Knackigkeit und einen kurzen, kühlenden Kontrapunkt. Und die Hoi-Sin-Sauce zieht das Ganze mit ihrer süßlich-würzigen Klebrigkeit elegant zusammen.
So bespielt das Gericht geschickt die verschiedensten Texturen, Temperaturen und Aromen. Kross trifft auf weich, heiß trifft auf frisch, Fett trifft auf Säure, Süße trifft auf Umami. Speziell Liebhaber einer traditionellen Peking Duck werden von diesem kulinarischen Umami-Crowdpleaser begeistert sein, weil das Gericht die vertraute Idee von Ente, Gurke, Sauce und weichem Teig aufgreift, aber deutlich moderner, lässiger und snackiger interpretiert.

Einigen aufmerksamen Mook-Group-Fans wird an dieser Stelle sicherlich aufgefallen sein, dass wir kurz vor dem ersten Lockdown ein fast identisches Gericht auf die ZENZAKAN Speisekarte aufgenommen haben.
Und in der Tat ist unsere Version eine ehrfürchtige Hommage an die geniale Kreation von Gordon Ramsay. Wir haben damals im Lucky Cat probiert, wie überzeugend diese Kombination aus krosser Ente, weichem Bao Bun, Gurke und Hoi-Sin-Sauce funktioniert, und wussten ziemlich schnell, dass dieser Gedanke auch sehr gut zum ZENZAKAN passen würde.
Genau so funktioniert gastronomische Inspiration im besten Sinne. Man entdeckt eine Idee, versteht ihre kulinarische Logik, übersetzt sie in die eigene Welt und verneigt sich dabei respektvoll vor dem Original.

Das Lucky Cat serviert im kultivierten Ambiente exzellente asiatische Fusion-Küche. Die neueste Location von Gordon Ramsay ist damit in nahezu jeder Facette überzeugend.
Allerdings wird es das Lucky Cat in London nicht ganz leicht haben. Denn in der britischen Hauptstadt gibt es mittlerweile auch echte Over-the-Top-Locations wie das Ivy Asia, Sexy Fish, Park Chinois und das MNKY HSE. Restaurants also, die nicht nur sehr gutes Essen servieren, sondern den ganzen Abend als perfekt durchchoreografiertes Spektakel inszenieren.
Genau deshalb stellt sich zwangsläufig die Frage, wie sich das Lucky Cat in diesem extrem kompetitiven Restaurantkosmos dauerhaft positionieren wird. Kulinarisch gibt es daran wenig auszusetzen. Handwerk, Produktqualität, Service und Atmosphäre stimmen. Nur ist Exzellenz in London längst kein Selbstläufer mehr, sondern eher die Eintrittskarte in eine Liga, in der viele Häuser bereits ziemlich eindrucksvoll spielen.
Ein ähnliches Problem hatte übrigens auch schon Jason Atherton mit dem wirklich genialen Sosharu, das es leider nicht mehr gibt. Besonders bedauerlich ist das, weil Sosharu unserer Meinung nach kulinarisch das beste Neo-Izakaya-Konzept in London war. Auch dort war vieles exzellent, vielleicht sogar außergewöhnlich. Trotzdem fehlte am Ende offenbar jener letzte, unmissverständliche Grund, warum sich genügend Gäste im überhitzten Londoner Restaurantkosmos genau für dieses Haus entscheiden sollten.
Die entsprechenden Mookular-Berichte über das Ivy Asia, Sexy Fish, Park Chinois und MNKY HSE finden interessierte Leser ebenfalls problemlos über die Suchleiste des Mook-Magazin-Blogs.