Obwohl fantastische indische Restaurantkonzepte wie das Semma im West Village, das Kanyakumari am Union Square, das Dhamaka auf der Lower East Side oder das Adda im East Village in New York einen veritablen Hype rund um die indische Aromen- und Vitalküche entfacht haben, bleibt London trotzdem das unangefochtene globale Epizentrum der indischen Spitzengastronomie. Eine These, die bekanntlich schon Richard Vines, der langjährige UK-Chairman der kontrovers diskutierten S.Pellegrino World’s 50 Best Restaurants Academy, im Jahr 2022 sehr prominent postulierte.
Nun eskaliert der Hype rund um die beste, faszinierendste und facettenreichste Länderküche der Welt in der britischen Hauptstadt komplett. Neben dem inzwischen mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Gymkhana hat mit dem Trèsind Mayfair gerade erst der Londoner Ableger der Restaurantgruppe eröffnet, zu deren Portfolio auch das Trèsind Studio in Dubai gehört, das erste indische Restaurant der Welt, das tatsächlich mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde.
Als wäre das noch nicht grandios genug, hat nun auch Aktar Islam, der mit seinem progressiven Opheem in Birmingham die ersten zwei Michelin-Sterne Großbritanniens für ein indisches Restaurant erkocht hat, unweit des Borough Market das Oudh 1722 eröffnet. Ein mehr als ambitioniertes Restaurant, das schon jetzt klarmacht, dass es das zweite mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete indische Restaurant der Welt werden will.
Da wir natürlich genau wissen, was Ihr als genauso leidenschaftliche Fans der besten Länderküche der Welt von uns erwartet, haben wir uns umgehend nach London aufgemacht, um den spektakulären Battle rund um die Krone der indischen Spitzengastronomie für Euch zu inspizieren. Den Auftakt macht mit dem Oudh 1722 einer der ambitioniertesten neuen 3-Sterne-Aspiranten der Stadt, den wir gründlich für Euch unter das gestrenge Mookular genommen haben.

Als kleine kulinarische Ouvertüre serviert uns das Oudh 1722 eine spektakuläre Selektion superkrosser Pappads. Die dazu gereichten Chutneys bespielen souverän die komplette indische Klaviatur aus süßen, säuerlichen, pikanten und kräuterfrischen Noten und katapultieren uns bereits mit dem ersten Bissen mitten hinein in die faszinierende Aromenwelt Awadhs.
Ein ebenso unkomplizierter wie überaus gelungener Start, der bereits eindrucksvoll erahnen lässt, auf welchem aromatischen Niveau sich das folgende Menü bewegen wird.

Korrespondierend begleitet wird der fulminante Bread-Basket von einer beeindruckenden Quadriga aus fruchtigem Mango-Chutney, barroke Raita, rauchigem Auberginenmus und kräuterfrischem Minz-Chutney. Ein tolles aromatisches Begleitensemble, das vom süßen Schmelz über milde Säure und erdige Raucharomen bis hin zur kühlenden Frische praktisch das gesamte indische Geschmacksspektrum abdeckt.

Das Chaat ist exakt so, wie ein wirklich gutes Chaat sein muss. Kühl, würzig, süß-säuerlich und textural maximal abwechslungsreich. Weiße Erbsen und Kartoffeln liefern die wohlig sättigende Basis, der temperierte Joghurt sorgt für cremige Frische und das kross frittierte Sev setzt als finales Crescendo einen präzisen Knusperakkord. Ein kleiner Crowdpleaser par excellence. Insgesamt ist die süß-saure Kreation sogar fast so gut wie unser legendäres Crispy-Spinach-Chaat im Ivory Club!

Hier demonstriert Aktar Islam eindrucksvoll, wie viel sensorische Tiefe man aus einer vermeintlich simplen Aubergine herausholen kann. Die butterweich gegarte Baingan besitzt eine intensive, aber niemals aufdringliche Raucharomatik und wird von einem wunderbar soften Sheermal flankiert, mit dem sich die samtige Auberginenkreation perfekt aufnehmen lässt. Ein vegetarisches Gericht, bei dem wirklich niemand Fleisch vermisst.

Der berühmte Gilawat Kebab gehört zu den großen Signature-Gerichten der legendären Lucknow-Cuisine. Optisch erinnern die kleinen, appetitlich kolorierten Fleischküchlein zunächst an besonders saftige Mini-Buletten. Umso verblüffender ist die geradezu schwerelos weiche Konsistenz des fein gewürzten Herdwick-Lamms. Statt des erwarteten festen Bisses besitzen die Kebabs beinahe die cremige Textur einer feinen Leberwurst und lassen sich dementsprechend wunderbar auf dem dazu gereichten Roomali Roti verstreichen.
Am Gaumen schmilzt die hocharomatische Fleischmasse praktisch widerstandslos dahin und setzt dabei sukzessive ihre subtil austarierte Gewürzaromatik frei. Die hauchzarte Röstkruste an der Außenseite liefert lediglich einen filigranen Gegenpol zur fast mousseartigen Textur im Inneren, ohne den sensationellen Meat-Melt-Effekt zu beeinträchtigen. Ein sublim abgeschmeckter und textural vollkommen ungewöhnlicher Kebab, der eindrucksvoll demonstriert, warum die filigranen Fleischkreationen der Awadhi-Küche unter indischen Gourmets einen nahezu mythischen Ruf genießen.

Der Dahi Paneer zeigt einmal mehr, dass die indische Küche bei vegetarischen Gerichten nicht mit lustlosen Ersatzprodukten oder asketischer Verzichtsrhetorik arbeiten muss. Der mild-aromatische Paneer erhält durch die kultivierte Sahne eine luxuriöse Cremigkeit, während Bockshornklee für die typisch indische, subtil herbe Tiefenwürze sorgt. Ein ebenso simples wie schlüssiges Gericht, das durch seine präzise Balance überzeugt. Und nein, das silbrig schimmernde Pergament ist keine versehentlich übersehene Alufolie, sondern Vark. Das essbare Blattsilber wird in Indien seit Jahrhunderten in Handarbeit hauchdünn geschlagen und krönt dort traditionell Festtagsgerichte und Süßspeisen. Es besteht aus reinem Echtsilber, ist völlig geschmacksneutral und sagt dem Gast auf die eleganteste denkbare Weise, dass er heute jemand Besonderes ist.

Das Malai Murgh ist eine wunderbar saftiger Chicken-Keule, bei dem das aromatische Fleisch von einer cremig-milden Malai-Marinade umschlossen wird. Kardamom verleiht der Kreation eine elegante, leicht florale Aromatik, während schwarzer Kreuzkümmel einen subtil erdigen Kontrapunkt setzt. Ein fabelhaft ausbalancierter Tandoori-Crowdpleaser, der trotz seiner opulenten Cremigkeit erstaunlich leichtfüßig wirkt.

Der saftige Chicken Seekh Kebab wird mit Kardamom und Safran erfreulich aristokratisch aromatisiert. Die würzige Hackfleischmasse besitzt eine angenehm lockere Textur und präsentiert sich als wunderbar delikater Vertreter der großen indischen Kebab-Kultur. Wer allerdings die wesentlich couragierter kolorierten Seekh Kebabs im Ivory Club goutiert, weiß, wie viel zusätzliche Röstaromatik in diesem Klassiker steckt, wenn man ihm am Grill etwas mehr Hitze zutraut.

Beim Kara Masala Ka Gosht wird intensives Ziegenfleisch so lange in seinem hocharomatischen Masala Curry konfiert, bis es praktisch von selbst zerfällt. Das Ergebnis ist ein tiefgründiges, wohlig-würziges und wunderbar saftiges Curry, bei dem sich die kraftvolle Eigenaromatik der Ziege perfekt mit der Melange der komplexen Gewürze verbindet. Ein kompromisslos intensives Slow-Cooking-Gericht, das eindrucksvoll beweist, dass Ziege nicht rustikal, sondern geradezu nobel schmecken kann. Wer allerdings das eher dezente Aroma unserer Rogan Josh Lammhaxe im Ivory Club liebt, muss nicht zwingend auch die kraftvolle Ziegenaromatik des Kara Masala Ka Gosht lieben.

Gulnaar ist Aktar Islams luxuriöse Interpretation eines klassischen Tandoori-Chicken-Currys, die das Butter-Chicken-Sujet mit saftigen Mini-Keulen auf ein neues Niveau hebt. Das zarte Hähnchen wird von einer perfekt emulgierten Sauce aus geräucherten Tomaten und Sahne umhüllt, die gleichzeitig fruchtig, rauchig, würzig und wunderbar cremig schmeckt. Besonders beeindruckend ist die Balance zwischen der konzentrierten Tomatenaromatik und der molligen Sahne, die die Gewürze abfedert, ohne ihnen die notwendige Durchschlagskraft zu nehmen. Eine wahrlich meisterhafte Curry-Kreation, die sich nicht einmal hinter dem legendären Butter Chicken im Ivory Club verstecken muss.

Die gefüllten Bindi Dopiaza sind weit mehr als eine vegetarische Pflichtübung am Rande der Speisekarte. Die längs geöffneten Okraschoten werden mit einer pikant-würzigen Masse gefüllt, anschließend von einem hauchdünnen, fast tempuraartigen Teigmantel umschlossen und so präzise ausgebacken, dass die Hülle wunderbar kross bleibt, während die Bindi im Inneren noch ihren charakteristischen Biss und ihre angenehm vegetabile Frische bewahren. Bereits dieser reizvolle Kontrast aus knuspriger Ummantelung, saftiger Okra und würziger Füllung macht das Gericht zu einem bemerkenswert komplexen Texturenspiel.
Serviert werden die gefüllten Bindi auf einer tiefgründigen Masala aus eingelegten Zwiebeln, deren konzentrierte Süße, pikante Würze und fein dosierte Säure einen spektakulären Gegenpol zur krossen Hülle bilden. Besonders überzeugend ist dabei, dass die Sauce die filigrane Aromatik der Okraschoten nicht einfach mit Gewürzen überlagert, sondern sie vielmehr verstärkt und kulinarisch präzise einrahmt. Ein ausgesprochen intelligentes Sabzi-Gericht, das gleichzeitig herzhaft, säuerlich, würzig und verblüffend leichtfüßig schmeckt und einmal mehr eindrucksvoll demonstriert, warum die indische Küche bei vegetarischen Gerichten praktisch konkurrenzlos ist.
Das frisch gebackene Naan kommt warm, fluffig und mit einer appetitlich kolorierten Oberfläche an den Tisch. Koriander sorgt für einen kräuterfrischen Akzent, während eine vergleichsweise zurückhaltende Dosis Ghee dem Brot eine dezente buttrige Aromatik verleiht. Entsprechend fehlt ihm allerdings auch jener verführerische Glanz und jene opulente Saftigkeit, die unser Naan im Ivory Club auszeichnen. Natürlich ist das Naan offiziell nur eine Beilage. Tatsächlich ist es aber das unverzichtbare High-Carb-Transportmittel für sämtliche köstlichen Currys und Masalas. So überzeugend die Version im Oudh 1722 auch ausfällt, bleibt das Naan im Ivory Club natürlich noch immer das absolute Benchmark-Gericht seiner Disziplin.

Fin