In Deutschland machen sich viele Wirte vor der Eröffnung ihres Lokals vornehmlich darüber Gedanken, woher man möglichst preiswert Tische und Stühle besorgen kann und welche Freunde bei der Renovierung vielleicht noch ein paar Tage mit anpacken könnten. In den international relevanten Metropolen reicht Engagement und eine solide Küche allerdings nur sehr selten aus, um eine verwöhnte und reizüberflutete Klientel noch in ekstatische Euphorie zu versetzen.
Genau deshalb gehen die wirklich erfolgreichen globalen Hospitality-King-Pins wie Arjun Waney, David Yeo, Stephen Starr, Keith McNally, Arkadiy Novikov oder Richard Caring völlig andere Wege. Sie besuchen im Vorfeld Galerien, Museen, Messen und natürlich sämtliche international relevanten Referenzlokale. Sie sprechen mit Kuratoren, Köchen, Historikern, Künstlern, Architekten und wichtigen Opinion Leadern. Sie gehen in ihre Bibliotheken und recherchieren dort ausgiebig in Kochbüchern, Bildbänden, Architekturwerken und Kunstmagazinen.
Erst wenn sich aus all diesen Eindrücken langsam eine belastbare Idee und schließlich eine klare Vision manifestiert hat, beginnt die eigentliche Suche nach einem geeigneten Interior Designer. Dessen Aufgabe besteht dann nicht darin, einfach ein hübsches Restaurant zu dekorieren, sondern gemeinsam mit dem Betreiber eine bereits entwickelte Gedankenwelt zu materialisieren und in ein räumlich erlebbares Hospitality-Konzept zu übersetzen.
Adam und Drew Jones, die beiden coolen Shooting-Stars der britischen Hospitality-Szene, haben sich nach genau diesem Prozess der Introspektion dafür entschieden, die renommierten Joyce Wang Studios mit dem Ausbau ihrer chinesischen Upscale-Formel TATTU zu beauftragen.
Spätestens mit dieser Entscheidung war natürlich klar, dass wir die neue Supervenue sofort für Euch unter das gestrenge Mookular nehmen mussten.

Hier sehen wir den spektakulären Gang zum TATTU in zwei vollkommen unterschiedlichen Looks. Wer nun vermutet, dass der Korridor nicht etwa statisch dekoriert ist, sondern mithilfe komplexer Projection-Mapping-Beamer permanent mit wechselnden, animierten Szenarien bespielt wird, liegt vollkommen richtig.
Dadurch verwandelt sich der eigentlich banale Weg ins Restaurant in eine kleine immersive Inszenierung, die den Gast schon vor dem eigentlichen Entrée auf die visuelle Dramaturgie des TATTU einstimmt. Mal wirkt der Korridor beinahe mystisch und zurückhaltend, mal knallt er mit maximaler Farbintensität und digitaler Ornamentik.
Genau solche Details machen deutlich, dass die Betreiber das Thema Hospitality nicht als Aneinanderreihung von Tisch, Stuhl und Speisekarte verstehen, sondern als komplett durchchoreografiertes Gesamterlebnis.

Aufmerksame Mook-Group-Fans wissen ja bereits, dass die in London und Hongkong ansässigen Joyce Wang Studios nicht nur für das MOTT 32 in Las Vegas und das ICHU in Hongkong verantwortlich zeichnen, sondern auch für das grandiose Neo-Izakaya KYUBI im Londoner ARTS CLUB.
In genau diesem Zusammenhang haben wir uns bereits sehr ausführlich mit dem furiosen Œuvre der renommierten Designschmiede beschäftigt und dabei auch einen genaueren Blick auf ihre unverwechselbare Handschrift, ihre Materialwelten und ihre spektakulären Hospitality-Inszenierungen geworfen.
Wer also noch tiefer in die faszinierende Welt der Joyce Wang Studios eintauchen und zugleich mehr über den superexklusiven Members-only-Club ARTS CLUB erfahren möchte, findet unseren ausführlichen Mookular-Bericht wie immer problemlos über die Suchleiste des Mook-Magazin-Blogs.

Zu glauben, dass London tatsächlich noch ein weiteres chinesisches High-End-Restaurant braucht, zeugt von einer ausgesprochen gesunden Portion Hybris. Immerhin mangelt es im Silicon Valley der Hospitality-Branche wahrlich nicht an exzellenten chinesischen Adressen.
Da wären zunächst großartige Old-School-Institutionen wie Min Jiang, Mr. Chow oder das herrlich antiquierte China Tang im Dorchester Hotel. Gleichzeitig ist London aber auch Heimat einiger der spannendsten und spektakulärsten chinesischen Game-Changer-Konzepte der Welt. Park Chinois, RedFarm, Hutong, Mimi Mei Fair oder A. Wong haben die Messlatte längst in schwindelerregende Höhen gelegt.
Wer in diesem Umfeld noch Aufmerksamkeit erzeugen will, braucht deshalb deutlich mehr als solides Essen, schöne Teller und ein paar rote Lampions.

Man kann Adam und Drew Jones für diesen ausgesprochen couragierten Business-Move also nur bewundern. Schließlich gibt es vermutlich deutlich einfachere Märkte, um mit einem chinesischen High-End-Konzept an den Start zu gehen.
Allerdings haben die beiden Brüder bereits in Leeds, Manchester, Birmingham und Edinburgh eindrucksvoll bewiesen, dass sie mit ihrer coolen Tattu-Formel in der Lage sind, selbst etablierte Restaurantszenen gehörig aufzumischen und innerhalb kürzester Zeit enorme Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Bekanntlich zeichnet der grandiose Yacht- und Interior-Designer Christian Liaigre für den unverwechselbaren Look & Feel der legendären Hakkasan-Formel verantwortlich. Aufmerksamen Beobachtern dürfte deshalb sofort auffallen, dass speziell das zentrale Siheyuan im Tattu mit seiner reduzierten, beinahe detachierten Formensprache erstaunlich stark an das berühmte Vorbild erinnert.
Ganz offensichtlich haben sich die Joyce Wang Studios hier ganz bewusst dafür entschieden, den Main Dining Room als eine Art architektonische Hommage an Hakkasan zu inszenieren. Keine plumpe Kopie, sondern vielmehr eine stilistische Verbeugung vor einem Restaurantkonzept, das die internationale Pan-Asian-Hospitality-Ästhetik über Jahre hinweg maßgeblich geprägt hat.

Das Tattu ist, genau wie die fabelhafte chinesische Upscale-Formel Hutong, ein klassisches Observation-Restaurant in einem High-rise-Building. Durch die bodentief verglasten Panoramafenster genießt man im Tattu einen sehr schönen Blick auf das umliegende Hochhaus-Cluster und teilweise sogar direkt in die Büros der benachbarten Türme.
Allerdings spielt das Hutong in dieser Disziplin noch einmal in einer anderen Liga. Das Restaurant befindet sich im legendären Shard Tower und damit deutlich außerhalb des eigentlichen Londoner Hochhaus-Clusters. Genau daraus entsteht der entscheidende Perspektivvorteil. Statt mitten zwischen anderen Türmen zu sitzen, schaut man aus exponierter Position über die Stadt, die Themse und praktisch die gesamte Londoner Skyline.
Dieser Abstand zur übrigen Hochhauskulisse erzeugt natürlich eine wesentlich dramatischere Tiefenwirkung und ist ein riesiger USP. Ein Vorteil, den wir glücklicherweise auch bei unserem Skyline-Restaurant Franziska genießen. Auch dort blickt man eben nicht nur auf Hochhäuser, sondern aus einer vergleichbar exponierten Position auf die gesamte Frankfurter Skyline.

London hat sich mittlerweile zu einem wahren Mekka der Rooftop-Restaurants entwickelt. Aufmerksame Mook-Magazin-Leser werden sich in diesem Zusammenhang sicherlich noch lebhaft an unsere Berichte über das Oblix, Bokan, Searcys, Sushisamba, Fenchurch und das City Social erinnern.
So beeindruckend viele dieser Skyline-Locations auch sein mögen, bei den Bars fiel unsere Bilanz bislang deutlich verhaltener aus. Abgesehen von der erstaunlichen Inside-Out-Bar im Duck & Waffle konnte uns bislang kaum eine Bar in einem Londoner Rooftop-Restaurant wirklich nachhaltig überzeugen.
Im Tattu sieht die Sache erfreulicherweise anders aus. An der spektakulären Phönix-Bar arbeitet ein ausgesprochen kompetentes und engagiertes Barkeeper-Team, das sein Handwerk beherrscht und dem imposanten Ambiente auch qualitativ gerecht wird. Wir können deshalb mit gutem Gewissen empfehlen, vor oder nach dem Essen einen kleinen Pit-Stop an der Bar einzulegen.
Wer sich übrigens gerade gefragt hat, was genau eine Inside-Out-Bar sein soll, findet unseren ausführlichen Mookular-Bericht über das Duck & Waffle wie immer problemlos über die Suchleiste des Mook-Magazin-Blogs.

Die Bar ist zwar vergleichsweise klein, dafür aber umso beeindruckender bestückt. Selbst verwöhnte Aficionados dürften im Tattu problemlos fündig werden. Aufmerksame Barflys entdecken beispielsweise im mittleren „Bird Cage“ einen echten Pappy Van Winkle.
Eine geradezu mythische Bourbon-Rarität, die selbst den Mitgliedern der Mook-Redaktion nur äußerst selten unter das gestrenge Mookular kommt. Schon die bloße Präsenz einer solchen Flasche macht ziemlich deutlich, dass man es an der Phönix-Bar nicht bei ein paar hübsch inszenierten Signature Cocktails belassen wollte, sondern auch bei den Spirituosen ernsthaft aufrüstet.

Die Cocktails werden im Tattu nicht nur handwerklich solide exekutiert, sondern auch ausgesprochen effektvoll inszeniert. Besonders schön zeigt das der Zen-Cocktail, der auf einer kleinen Schatulle mit einem miniaturisierten Kare-san-sui-Garten serviert wird.
Die Box ist dabei weit mehr als nur dekorative Staffage. Man kann sie aufziehen, die winzigen Steine, floralen Petitessen und kleinen Miniaturen neu arrangieren und mit einem filigranen Rechen jene typischen Wellenmuster in den feinen Sand zeichnen, die man aus japanischen Trockengärten kennt.
Natürlich ist das alles ein kleines bisschen Hospitality-Theater. Aber genau darin liegt der Reiz. Statt den Drink einfach nur auf den Tisch zu stellen, wird aus dem Servieren ein kleines interaktives Ritual, das den Gast spielerisch einbindet und die ohnehin schon stark inszenierte Tattu-Welt konsequent bis ins letzte Detail fortschreibt.

Schon nach kurzem Studium der klug kuratierten Speisekarte wird klar, dass das Tattu kulinarisch deutlich breiter aufgestellt ist, als es die chinesische Grundausrichtung zunächst vermuten lässt. Neben etablierten Klassikern wie XO Scallops und Salt ’n’ Pepper Squid finden sich zahlreiche zeitgeistige Cross-over-Gerichte, die bewusst mit japanischen, westlichen und luxuriösen Produktwelten spielen.
So stehen beispielsweise ein Wagyu-Truffle-Carpaccio oder ein Yellowtail-Kiwi-Sashimi auf der Karte. Gerichte also, die weniger auf orthodoxe Authentizität als auf maximale Attraktivität für ein internationales, kulinarisch hochgradig reizüberflutetes Publikum zielen.
Und natürlich darf auch ein Mock Chicken mit schwarzer Bohnensauce nicht fehlen. Eine jener Speisen, die heutzutage offenbar auf keiner wirklich coolen Hipster-Karte mehr fehlen dürfen.

Das Tattu ist wirklich ein exzellenter neuer Upscale-Chinese ohne nennenswerte Schwächen. Speziell Fans des Post-Yau-Hakkasan-Universums werden mit dem Tattu ganz sicher ihre Freude haben. Design, Service, Bar, Präsentation und Küchenleistung bewegen sich durchgehend auf sehr hohem Niveau.
Allerdings hat das Tattu ein nicht ganz unbedeutendes Problem. Sobald man sich als sparsames Pärchen in Richtung 500 Pfund Gesamtumsatz bewegt, gerät man preislich bereits in Regionen, in denen London einige echte Game-Changer-Chinesen zu bieten hat.
Für eine vergleichbare Summe kann man nämlich auch ein romantisches Tête-à-Tête im Park Chinois, Hutong oder Mimi Mei Fair verbringen. Und genau dort wird der Wettbewerb plötzlich verdammt hart, denn in dieser Liga reicht „sehr gut“ irgendwann nicht mehr ganz aus.

Hier sehen wir übrigens ein besonders hübsches Beispiel dafür, wie luxuriös sich selbst ein vermeintlich bodenständiger Dim-Sum-Klassiker inszenieren lässt. Die Siu Mai werden im Tattu mit gehobeltem Trüffel gekrönt und damit aus ihrer klassischen kantonesischen Komfortzone ziemlich elegant in Richtung High-End-Hospitality katapultiert.
Die offene Teighülle ist sauber gearbeitet, die Füllung wirkt saftig, kompakt und zugleich angenehm luftig, während der dunkle, intensive Sud am Boden zusätzliche Tiefe liefert. Der Trüffel übernimmt dabei weniger die Rolle eines plumpen Luxus-Toppings, sondern funktioniert vor allem als aromatischer Verstärker für die ohnehin schon ausgeprägte Umami-Struktur.
Das Ergebnis ist genau jene Art von Gericht, die das Tattu ziemlich gut charakterisiert. Ein vertrauter chinesischer Klassiker wird nicht dekonstruiert oder bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, sondern lediglich mit ein paar gezielten Luxus- und Cross-over-Elementen auf ein deutlich mondäneres Niveau gehoben.

Hier kommt ein sehr sauber gearbeitetes Tuna Tataki auf den Tisch. Der Thunfisch ist im Kern noch tiefrot und praktisch roh, außen aber nur hauchdünn angeflämmt, sodass genau dieser für gutes Tataki so typische Kontrast zwischen seidiger Textur und leichter Röstaromatik entsteht.
Die Stücke sind in einer würzigen Kruste gerollt, die optisch und geschmacklich zusätzliche Spannung bringt. Dazu kommen kleine Tupfer einer cremigen Sauce, etwas Kaviar, feine Kräuter und Microgreens sowie ein dunkler, vermutlich soja- oder ponzubasierter Sud, der dem mageren Fisch zusätzliche Umami-Tiefe verleiht.
Besonders gelungen ist dabei die Balance. Der Thunfisch bleibt klar der Hauptdarsteller, während Kruste, Sauce, Kaviar und Kräuter nur die nötigen Akzente setzen. Genau so sollte modernes Tuna Tataki funktionieren. Präzise gegart, textural spannend, aromatisch komplex, aber niemals so überladen, dass der Eigengeschmack des Fisches unter der Inszenierung verschwindet.

Der „Angry Bird“ kommt deutlich rustikaler und brachialer daher als viele der filigraneren Tattu-Gerichte. Saftige Geflügelstücke werden in einer tiefdunklen, glänzenden Sauce serviert, die optisch bereits ziemlich unmissverständlich ankündigt, dass hier mit Süße, Schärfe und ordentlich Umami gearbeitet wird.
Dazu gesellen sich geröstete Cashewkerne, Frühlingszwiebeln, getrocknete Chilis sowie rote und grüne Paprika, die dem Gericht nicht nur Farbe, sondern auch unterschiedliche Texturen verleihen. Besonders spannend sind die großen, goldgelben Ananasstücke, die mit ihrer Fruchtsüße einen wirkungsvollen Kontrapunkt zur würzigen, leicht klebrigen Sauce setzen.
Das Ganze erinnert ein wenig an eine luxuriös aufgedrehte, deutlich erwachsenere Interpretation klassischer Sweet-and-Spicy-Gerichte aus der chinesischen Comfort-Food-Ecke. Genau darin liegt der Reiz. Der „Angry Bird“ will gar nicht subtil sein. Er will laut, saftig, sticky, würzig und maximal befriedigend sein. Und genau das funktioniert hier ausgesprochen gut.

Die Wagyu Potstickers kommen mit kräftig angerösteter Unterseite, saftigem Inneren und einer angenehm dünnen, leicht chewy Teighülle auf den Tisch. Die reichhaltige Wagyu-Füllung sorgt für ordentlich Geschmack, während etwas Sud und die zurückhaltende Garnitur verhindern, dass das Ganze zu schwer wirkt.
Ein sehr sauber exekutierter kleiner Crowdpleaser, der genau das liefert, was man sich von einem luxuriösen Potsticker verspricht.

Die Sticky Beef Short Ribs kommen herrlich dunkel glasiert und beinahe lackiert auf den Tisch. Das Fleisch ist butterzart, saftig und fällt praktisch schon bei leichtem Druck auseinander. Außen sorgt die intensiv reduzierte, süßlich-würzige Glasur für ordentlich Wucht und genau jene klebrige Opulenz, die man sich bei einem solchen Gericht erhofft.
Gerösteter Sesam, knusprige Zwiebeln und frische Chiliringe bringen zusätzliche Textur, Schärfe und Frische ins Spiel und verhindern, dass die üppige Sauce zu eindimensional wird. Kein filigranes Leisetreter-Gericht, sondern ein bewusst offensiver, ausgesprochen befriedigender Crowdpleaser mit maximalem Comfort-Food-Faktor.

Die Salt ’n’ Pepper Squid kommen herrlich kross und großzügig gewürzt auf den Tisch. Die Tintenfischstücke sind außen leicht und knusprig ausgebacken, bleiben innen aber angenehm zart und saftig. Genau dieser Kontrast entscheidet bei einem guten Salt ’n’ Pepper Squid darüber, ob das Gericht begeistert oder als zähe Frittierübung endet.
Dazu kommen Chili, Kräuter, Frühlingszwiebeln und ein paar frische Granatapfelkerne, die der salzig-würzigen Aromatik etwas Frische und Fruchtigkeit entgegensetzen. Der separat servierte Dip bringt zusätzliche Säure und Schärfe ins Spiel.
Ein unkompliziertes Gericht, aber ausgesprochen sauber exekutiert und genau deshalb ein perfekter kleiner Sharing-Crowdpleaser.

Auch ein Dessert mit den aktuell sehr angesagten Tapioka-Popping-Bobas findet sich auf der Karte des TATTU.
