Die Speisekarte im Franziska, unserem bodentief verglasten 360-Grad-Panoramarestaurant auf der Spitze des Henninger Turms, verändert sich kontinuierlich. Einige Gerichte verschwinden, neue kommen hinzu und andere werden einfach weiter verbessert. Ein Gericht hat es allerdings geschafft, sämtliche Evolutionsstufen und Kartenwechsel unbeschadet zu überstehen und bis heute unverändert auf der Speisekarte zu bleiben. Unsere legendäre Blutwurst-Gyoza mit Sauerkraut und süßem Senf.
Der Grund, warum wir den Blutwurst-Potsticker seit Tag eins unverändert auf der Karte haben, ist denkbar einfach. Wie bei einem Hai endet die Evolution bei absoluter Perfektion. Warum sollte man auch etwas verändern, das bereits perfekt ist und von nahezu jedem geliebt wird?
Die Idee hinter der erstaunlichen Hybrid-Kreation ist übrigens ebenso simpel wie aufregend. Wir nehmen die Blutwurst, eines der archaischsten Erzeugnisse der deutschen Wurstkultur, und implantieren sie kurzerhand als Nukleus in einen japanischen Potsticker. Dabei entsteht eine ebenso absurde wie absolut köstliche Hybrid-Kreation, die man aus vielerlei Gründen nur als kulinarisches Match made in Heaven bezeichnen kann.
Damit unser kleines transkontinentales Fusionsexperiment seine höchste kulinarische Evolutionsstufe erreicht, werden die gefüllten Potstickers zunächst goldbraun angebraten. Danach gießen wir einen subtil gewürzten Korallenhippen-Teig an, der sich in der Pfanne zu einer fragilen, goldbraunen Disc manifestiert. Das filigran gesponnene Teignetz breitet sich wie ein kunstvoll geklöppeltes, goldbraunes Spitzenornament um die Gyoza aus und bereichert die Kreation um einen faszinierenden Knusper-Akkord. Die fertige Gyoza-Disc richten wir auf einem kleinen Hügel aus Sauerkraut an, toppen sie mit einem federleichten Sauerkraut-Lecithin-Foam und komplettieren das Arrangement mit kleinen Tupfen aus süßem Senf.
So spektakulär unsere kleine Hybrid-Kreation auch aussieht, ihre wahre Raffinesse offenbart sie erst beim ersten Bissen. Das mineralische Hämoglobin der Blutwurst korrespondiert dabei perfekt mit der wohligen Aromatik des süßen Senfs. Das Sauerkraut setzt der herzhaften Opulenz der Blutwurst seine prägnante Säure entgegen, während der Sauerkraut-Foam die vertraute Aromatik noch einmal in federleichter Form aufgreift und der Kreation einen gourmetesken Touch verleiht. Das fragile Teignetz sorgt schließlich für einen fulminanten Crunch und macht aus jedem Bissen ein lustvolles Wechselspiel aus deftig und filigran, crunchy und soft, sauer und süß, vertraut und vollkommen unerwartet.
Hungrig geworden? Falls ja, reserviert doch gleich einmal einen Tisch im Franziska. Es lohnt sich nämlich nicht nur wegen der spektakulären Aussicht, sondern vor allem wegen der mindestens ebenso spektakulären Küche.
