In den letzten Jahren hat sich rund um den exklusiven Berkeley Square im Londoner Szeneviertel Mayfair ein gastronomisches Superhub von geradezu epischen Dimensionen gebildet. In einem Radius von nicht einmal 500 Metern haben sich einige der spektakulärsten, teuersten und theatralischsten Restaurants der Welt angesiedelt. Darunter so unglaubliche Next-Level-Konzepte wie das Bacchanalia, Amazonico, Park Chinois, Mimi Mei Fair, Sexy Fish, Annabel’s und das fabelhafte Mount St. Restaurant.
In einem fulminanten Reigen der Eitelkeiten liefern sich hier die absoluten Heavyweight-Champions der globalen Hospitality-Industrie eine geradezu sagenhafte Materialschlacht. Dabei scheuen die potenten Alphatiere weder Kosten noch Mühen, um die verwöhnte Klientel permanent mit neuen spektakulären Venues in ungläubiges Erstaunen zu versetzen.
Kein Wunder, dass hier, wie unter einem kulinarischen Brennglas, der mit Abstand höchste gastronomische Umsatz des gesamten Planeten generiert wird.
Jetzt hat sich zu diesem Cluster der Superlative noch ein weiterer Heavy Hitter gesellt. Ein Restaurant, das so spektakulär ist, dass es wieder einmal weltweit für Furore gesorgt hat und natürlich auch wieder die faszinierende Melange aus eleganten Bond-Street-Ladies, coolen Artheads, distinguierten Sloane Rangers, smarten UAE-Refugees, schwerreichen Ultra-high-net-worth Individuals, stylischen Mayfair-Flaneuren, diskreten Oligarchen und attraktiven Gold-Diggern geradezu magisch anzieht.
Das Lilibet’s ist natürlich nach dem Spitznamen der Queen benannt und liegt in der 17 Bruton Street, also exakt an der Adresse, an der Queen Elizabeth II. im Jahr 1926 erstmals das Licht der Welt erblickte.
Da wir natürlich wissen, was Ihr von uns erwartet, haben wir das Lilibet’s selbstverständlich schon kurz nach seiner Eröffnung für Euch unter das gestrenge Mookular genommen.

Das Evil Mastermind hinter dem zauberhaften Lilibet’s ist niemand Geringerer als Ross Shonhan. Ein australischstämmiger Koch, Restaurateur und Hospitality-Unternehmer, der seine bemerkenswerte Karriere als Executive Chef bei Nobu in Dallas und später bei Zuma in London begann.
Danach gründete er 2012 mit Bone Daddies eines der prägendsten Ramen-Konzepte Londons und entwickelte daraus mit Flesh & Buns und Shack-Fuyu eine kleine japanisch inspirierte Restaurantwelt, die deutlich mehr mit Rock’n’Roll, Umami, Dampf und urbaner Energie zu tun hatte als mit dem aristokratischen Seafood-Glamour eines Lilibet’s.
Genau deshalb ist Ross Shonhan als Betreiber dieses Restaurants so interessant. Denn Lilibet’s ist kein weiterer Ableger seiner japanisch inspirierten Gastro-DNA, sondern eher das maximal elegante Gegenstück dazu. Ein klassisches, opulentes, historisch aufgeladenes Seafood-Restaurant in Mayfair, gebaut von einem Mann, der sehr genau weiß, wie man Restaurants emotional auflädt, operativ beherrschbar macht und kommerziell in die Umlaufbahn schießt.

Verantwortlich für das zauberhafte Interior Design ist hingegen das sagenumwobene Russell Sage Studio, eines der profiliertesten britischen Designstudios für historisch aufgeladene, maximal erzählerische Hospitality-Interieurs.
Das passt natürlich perfekt. Denn Russell Sage Studio ist genau dann am stärksten, wenn Räume nicht einfach nur teuer aussehen sollen, sondern so wirken müssen, als hätten sie bereits ein halbes aristokratisches Vorleben hinter sich. Das Studio hat unter anderem für The Goring Hotel, The Fife Arms, Zetter Townhouse, Dishoom Shoreditch und verschiedene Restaurants, Hotels, Bars, Members’ Clubs und private Residenzen gearbeitet.
Lilibet’s setzt damit nicht auf glatte internationale Luxusästhetik, sondern auf eine von Russell Sage kuratierte Illusion eines über Generationen gewachsenen Mayfair-Stadthauses. Ein Restaurant, das sich nicht wie eine Neueröffnung anfühlt, sondern wie ein leicht exzentrischer privater Salon, in dem schon seit Jahrzehnten Austern geöffnet, Champagner getrunken und diskrete Geschichten geflüstert werden.

Das Interior von Lilibet’s wirkt nicht wie ein klassisch neu eröffnetes Restaurant, sondern eher wie das über Generationen gewachsene Esszimmer einer leicht exzentrischen Mayfair-Familie, die irgendwann beschlossen hat, ihre private Seafood-Leidenschaft mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Überall Tapeten, Stoffe, Fransen, Muschelleuchten, gerahmte Vogelmotive, florale Muster, antikisierende Möbel, ein marmorner Kamin, ein grotesk opulenter Spiegel und eine Farbwelt aus Puderrosa, Taubenblau, Salbeigrün, Messing, dunklem Holz und warmem Lampenlicht. Nichts daran wirkt zufällig, aber sehr vieles soll so wirken, als sei es zufällig über Jahrzehnte zusammengetragen worden.

Genau darin liegt die Raffinesse. Das ist kein kaltes Designerrestaurant, das dem Gast seine Budgethöhe mit Carrara-Marmor und Messingkanten ins Gesicht drückt. Es ist vielmehr ein hochpräzise gebautes Bühnenbild der Behaglichkeit. Ein aristokratischer Seafood-Salon, der so tut, als habe er schon immer existiert, obwohl jeder Zentimeter sichtbar kuratiert, tapeziert, beleuchtet und dramaturgisch aufgeladen ist.

Das Ergebnis ist eine ziemlich faszinierende Mischung aus britischem Country House, viktorianischer Exzentrik, Mayfair-Salon, Grandmother-Chic und Russell-Sage’scher Maximalismus-Magie. Also genau jene Art von Interior, bei der man nicht weiß, ob man gerade in einem Restaurant, einem historischen Puppenhaus, einem aristokratischen Kuriositätenkabinett oder in der perfekt ausgeleuchteten Erinnerung an ein London sitzt, das es vielleicht nie wirklich gegeben hat.

Besonders spektakulär ist die offene Showküche, die bei Lilibet’s nicht als dekoratives Transparenzversprechen funktioniert, sondern als echtes operatives Herzstück des Restaurants. Im Zentrum steht ein mächtiger Fireside Grill mit Flammen, Rauch, schweren Rosten, Kupfertöpfen und genau der konzentrierten Küchenenergie, die sofort klarmacht, dass Seafood hier nicht als blasse Wellnessküche verstanden wird, sondern als großes, sinnliches Feuerhandwerk.

Die kulinarische Idee hinter Lilibet’s ist im Kern klar. Ross Shonhan baut hier kein weiteres hypernervöses Konzeptrestaurant für die Aufmerksamkeitsspanne einer TikTok-Generation, sondern versucht, ein klassisches britisches Seafood-Restaurant für das heutige Mayfair neu zu codieren. Also Austern, Kaviar, Krustentiere, offene Flammen, Butter, Saucen, Silber, Eis, Rauch, Zitrus, Champagner und jene sehr spezielle Form von kulinarischer Noblesse, bei der man nicht ständig erklären muss, warum etwas luxuriös ist, weil es der Gast in dem Moment versteht, in dem der erste Teller auf dem Tisch steht. Genau darin liegt der Reiz. Lilibet’s will nicht beweisen, dass Fisch auch minimalistisch kann. Lilibet’s will beweisen, dass Seafood wieder groß, großzügig, glamourös, feierlich und beinahe unanständig schön sein darf.

Das Restaurant denkt Seafood dabei nicht als asketische, nordische Reduktionsübung, sondern als opulente, zutiefst sinnliche Meeresküche. Im Zentrum stehen eine Oyster Bar, ein Fireside Grill, klassische Seafood-Platten, ganze Fische, Shellfish, eine starke Cocktail Bar und die Idee, dass Meeresküche nicht leicht, blass und dekorativ sein muss, sondern durchaus Gravitas, Drama und archaische Urgewalt haben darf.
Hier sehen wir übrigens den imposanten Seafood Tower, der praktischerweise auf einer drehbaren Lazy Susan serviert wird und damit ganz ohne akrobatische Verrenkungen von allen Seiten attackiert werden kann.

Spannend ist dabei, dass Lilibet’s den großen Luxus nicht über molekulare Verrenkungen oder konzeptuelle Überintellektualisierung sucht, sondern über Produkt, Handwerk, Atmosphäre und Dramaturgie. Das ist im besten Sinne old school, aber eben nicht altbacken. Eher so, als hätte jemand die DNA von Scott’s, J Sheekey und einem privaten Mayfair-Stadthaus genommen, sie mit Shonhans modernem Operator-Mindset gekreuzt und daraus ein Seafood-Restaurant gebaut, das gleichzeitig historisch grundiert und hochgradig zeitgenössisch wirkt.

Ein perfektes Beispiel für diese kulinarische Haltung ist die gegrillte Seezunge. Kein Teller für Pinzettenakrobaten, keine filigrane Schaumschlägerei, keine überdekorierte Meeresminiatur, sondern ein großartiger Fisch, der mit Hitze, Butter, Zitrone und handwerklicher Präzision genau das zeigen darf, was er ist. Die Seezunge kommt klassisch auf der Platte, sauber gegrillt, mit feinen Röstaromen, saftigem Fleisch, leicht karamellisierter Oberfläche und einer Sauce, die nicht versucht, dem Fisch die Show zu stehlen, sondern ihn elegant nach vorne trägt.

Platz für Süßes ist natürlich immer. Erst recht, wenn ein Princess Cake auf der Speisekarte steht, der schon beim Lesen klingt, als hätte jemand die gesamte Idee von Lilibet’s noch einmal in ein kleines, pastellgrünes Dessert übersetzt.
Unter der glatten, leuchtend grünen Hülle verbirgt sich diese herrlich altmodische Dessertlogik aus Biskuit, Creme, Sahne, Süße, Weichheit und maximaler kindlicher Glückserinnerung. Kein dekonstruiertes Dessert, kein säuerlicher Pflichtpunkt am Ende eines Menüs, keine intellektuelle Tellerinstallation, sondern ein kleiner, runder, sehr charmanter Zuckertraum.
Serviert auf floraler Porzellanromantik wirkt der Princess Cake fast wie ein Requisit aus dem privaten Teesalon der Queen. Und genau deshalb passt er so gut zu Lilibet’s. Er ist süß, verspielt, nostalgisch, ein bisschen absurd und gerade dadurch vollkommen konsequent.
