Als der heutige CEO der Mook Group vor weit über vierzig Jahren zum ersten Mal mit seinen Eltern nach London reiste, ging es gleich am ersten Abend ins legendäre Simpson’s in the Strand. Der Besuch war für den zukünftigen CEO der Mook Group nicht nur deshalb ein prägendes Erlebnis, weil er dort zum ersten Mal in seinem Leben an einem Pimm’s No. 1 Cup nippen durfte oder ihn die urbritische Clubatmosphäre vollkommen in ihren Bann zog, sondern vor allem, weil die sogenannten Master Carvers mit gewaltigen silbernen Trolleys geradezu majestätisch durch den prachtvollen Speisesaal levitierten, um vor den staunenden Augen der illustren Gästeschar mit riesigen Tranchiermessern monumentale Scheiben saftigen Roastbeefs theatralisch herunterzuschneiden.
Dann kam Corona, und das ehrwürdige Simpson’s schloss im März 2020 im 192. Jahr seiner Geschichte seine Pforten. Während die übrige Londoner Gastronomie nach den Lockdowns langsam wieder zum Leben erwachte, blieb die Grande Dame am Strand jedoch hartnäckig im Dornröschenschlaf.
Richtig traurig wurde es, als mit der öffentlichen Versteigerung des historischen Tafelsilbers, der berühmten Carving-Trolleys und großer Teile des Interieurs klar zu sein schien, dass eine der bedeutendsten Restaurantinstitutionen Londons endgültig Geschichte war.
Umso größer war unsere Freude, als ausgerechnet der legendäre Restaurateur Jeremy King verkündete, die schlafende Grande Dame wieder wachküssen zu wollen.
Als die geschichtsträchtige Ikone nach sechs langen Jahren endlich wieder ihre Pforten öffnete, war klar, dass wir das revitalisierte Simpson’s in the Strand natürlich sofort für Euch unter das gestrenge Mookular nehmen mussten.

Bevor wir uns anschauen, was der berühmte Londoner Restaurateur aus der altehrwürdigen Institution gemacht hat, lohnt sich zunächst ein etwas genauerer Blick auf ihre außergewöhnliche Geschichte. Denn das Simpson’s war nicht einfach nur irgendein traditionsreiches Restaurant, sondern über beinahe zwei Jahrhunderte hinweg ein kulinarischer, kultureller und gesellschaftlicher Hot-Spot der britischen Hauptstadt.
Alles begann im Jahr 1828, als der aus Deutschland stammende Samuel Reiss am Strand den sogenannten Grand Cigar Divan eröffnete. Das Etablissement war zunächst weniger Restaurant als eine mondäne Mischung aus Raucherclub, Kaffeehaus, Lesesalon und gesellschaftlichem Treffpunkt. Londoner Gentlemen rauchten hier ihre Zigarren, studierten die aktuellen Tageszeitungen, diskutierten über Politik und vertrieben sich die Zeit mit ausgedehnten Schachpartien.
Schon bald entwickelte sich der Grand Cigar Divan sogar zum wichtigsten Zentrum der britischen Schachszene. Einige Partien gegen rivalisierende Clubs wurden damals über größere Entfernungen ausgetragen, wobei elegant gekleidete Boten durch die Londoner Straßen eilten, um die jeweiligen Spielzüge zwischen den Kontrahenten zu übermitteln. Eine geradezu herrlich exzentrische Form des analogen Online-Schachs.
Im Jahr 1848 holte Samuel Reiss schließlich den erfolgreichen Caterer John Simpson ins Haus. Simpson ließ die Räumlichkeiten umbauen, erweiterte das gastronomische Angebot und gab dem Etablissement als Simpson’s Tavern and Divan seinen Namen. Weil die konzentrierten Schachspieler durch das Servieren der Speisen möglichst wenig gestört werden sollten, wurden gewaltige Bratenstücke auf silbernen Trolleys durch den Speisesaal geschoben und direkt am Tisch tranchiert. Aus einer pragmatischen Servicelösung entstand damit ausgerechnet jene spektakuläre Zeremonie, für die das Simpson’s später weltberühmt werden sollte.
Nachdem der Savoy-Gründer Richard D’Oyly Carte das Restaurant Ende des 19. Jahrhunderts übernommen hatte, wurde das Haus umfassend umgebaut und 1904 am heutigen Standort unter seinem bis heute bekannten Namen Simpson’s-in-the-Strand wiedereröffnet. Das vermeintliche Namensgeheimnis ist also schnell gelüftet. „Simpson’s“ erinnert an John Simpson, während „in the Strand“ schlicht auf die Lage an der berühmten Londoner Straße verweist.

Wie aufmerksame Leser unseres Newsletters wissen, ist Jeremy King nicht einfach irgendein Wirt, sondern eine der prägendsten Figuren der modernen Londoner Restaurantszene. Gemeinsam mit seinem langjährigen Geschäftspartner Chris Corbin verwandelte er zunächst das Le Caprice und später The Ivy in legendäre gesellschaftliche Hotspots der Stadt, bevor die beiden mit dem monumentalen The Wolseley eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Restaurantinstitutionen Londons schufen. Häuser, in denen Schauspieler, Künstler, Politiker, Mediengrößen und Mitglieder der Londoner High Society auf bemerkenswert selbstverständliche Weise nebeneinandersaßen.
Später folgten mit J Sheekey, Colbert, Fischer’s und der monumentalen Brasserie Zédel weitere Restaurants, die nicht nur kommerziell erfolgreich waren, sondern das gastronomische Lebensgefühl Londons entscheidend mitprägten. Kings große Begabung besteht dabei weniger darin, modische Food-Konzepte zu erfinden, als Räume mit einer geradezu elektrisierenden gesellschaftlichen Energie aufzuladen. Seine Restaurants sind keine sterilen kulinarischen Tempel, sondern pulsierende Bühnen, auf denen die Gäste selbst zum eigentlichen Star werden.
Jeremy King ist damit vermutlich einer der wenigen Restaurateure, denen man zutrauen konnte, das Simpson’s weder in ein museales Traditionskabinett zu verwandeln noch seine historische Seele zugunsten eines kurzlebigen Lifestyle-Konzepts zu exorzieren. Die Voraussetzungen für eine ebenso respektvolle wie kraftvolle Wiederbelebung hätten also kaum besser sein können.

Mit der behutsamen Revitalisierung der historischen Räume beauftragte Jeremy King seinen langjährigen kreativen Weggefährten Shayne Brady. Eine naheliegende Wahl, denn der irische Interior Designer arbeitet seit vielen Jahren mit King zusammen und versteht dessen besondere Vorstellung von Gastronomie vermutlich besser als kaum ein anderer.
Brady hatte bereits zahlreiche atmosphärisch aufgeladene Hospitality-Interieurs gestaltet, darunter The Aubrey im Mandarin Oriental, Bob Bob Ricard City und die Gallery im Savoy Hotel. Vor allem aber verantwortete er eine ganze Reihe von King-Restaurants wie Fischer’s, Bellanger, Soutine, Arlington und zuletzt The Park am Hyde Park.
Beim denkmalgeschützten Simpson’s bestand seine Aufgabe nicht darin, eine historische Welt neu zu erfinden, sondern eine tatsächlich fast zweihundert Jahre alte Institution zu modernisieren, ohne ihr dabei die Seele aus dem Leib zu sanieren. Brady restaurierte Holzvertäfelungen, Kronleuchter, Kamine und zahlreiche Edwardian Details, verbesserte aber zugleich behutsam Lichtführung, Sitzkomfort, Raumaufteilung und operative Abläufe.
Das Ergebnis ist bemerkenswert. Das Simpson’s fühlt sich noch immer erstaunlich stark wie das Simpson’s von früher an, nur irgendwie frischer, wärmer und wieder deutlich lebendiger. Eine fast zweihundertjährige Grande Dame zu revitalisieren, ohne ihr das Alter aus dem Gesicht zu operieren, ist ein echtes Kunststück.

Die Speisekarte ist eine typische King-Karte, die nicht nur mit für Londoner Verhältnisse geradezu absurd günstigen Preisen positiv überrascht, sondern auch mit einer ganzen Phalanx nostalgischer Feel-Good-Klassiker aufwartet. Vom Waldorf Salad über das augenzwinkernd benannte „Tongue in Cheek“ und eine kräftige Oxtail Broth bis hin zu einem Duck Faggot, einer urbritischen Innereienfrikadelle, die man sich als kulinarischer Laie am ehesten als besonders rustikale Kreuzung aus Leberknödel, Frikadelle und Pâté de Campagne vorstellen kann.
Für uns als leidenschaftliche Liebhaber der indischen Aromen- und Vitalküche ist neben dem obligatorischen Roast Rib of Devonshire Beef natürlich vor allem das Railway Mutton Curry von ganz besonderem Interesse, ein klassischer anglo-indischer Eintopf aus langsam geschmortem Hammelfleisch. Dazu aber später mehr

Es ist geradezu wohltuend, dass ein derart nostalgischer Klassiker wie der Waldorf Salad noch immer selbstbewusst auf einer Speisekarte stehen darf. Im Simpson’s kommt er als üppig angemachter Blattsalat mit knackigem Apfel, süßen Trauben, Sellerie und karamellisierten Walnüssen auf den Tisch. Cremig, fruchtig, nussig und ein wenig altmodisch, aber genau deshalb so wunderbar.
Erfunden wurde der Waldorf Salad in den 1890er-Jahren im New Yorker Waldorf Hotel und wird dessen legendärem Maître d’hôtel Oscar Tschirky zugeschrieben. Die ursprüngliche Version bestand lediglich aus Apfel, Sellerie und Mayonnaise; Trauben und Walnüsse kamen erst später hinzu. Ein kulinarischer Evergreen, der seit mehr als 130 Jahren beweist, dass nicht jeder Klassiker dekonstruiert, fermentiert oder neu interpretiert werden muss.

Als Nächstes erreicht uns eine Lincolnshire-Poacher & White-Onion-Tart, die bereits optisch wie eine kleine Liebeserklärung an die klassische britische Savoury Tart wirkt. Auf einem mürben, sauber gebackenen Boden ruht eine kompakte, fast custardartige Füllung aus süßlich geschmorten weißen Zwiebeln, die unter einem geradezu alpinen Schneegestöber frisch geriebenen Lincolnshire Poacher verschwindet.
Der aus Rohmilch hergestellte Hartkäse reift traditionell 14 bis 16 Monate und erinnert aromatisch an eine Kreuzung aus Cheddar und Comté: kräftig, nussig, leicht pikant und mit genügend salziger Tiefe, um der milden Zwiebelsüße ein souveränes Gegengewicht zu geben. Das Ergebnis ist kein filigranes Amuse-Bouche, sondern ein herzhaftes und wohltuend nostalgisches Stück britischer Comfort Cuisine, bei dem mürber Teig, süße Zwiebel und würziger Käse sehr überzeugend ineinandergreifen.

Fast noch nostalgischer wird es beim Prawn Cocktail, der im Simpson’s in einer klassischen silbernen Cocktailschale auf den Tisch kommt. Saftige Riesengarnelen thronen gemeinsam mit einer perfekt aufgefächerten Avocado auf knackigem Salat und einer üppigen Marie-Rose-Sauce, flankiert von Zitrone und akkurat geschnittenen Brown-Bread-Sandwiches.
Ein herrlich altmodischer Feel-Good-Klassiker aus der großen britischen Restauranttradition der 1960er- und 1970er-Jahre. Cremig, süßlich-pikant, angenehm üppig und erneut der Beweis, dass ein gutes Gericht nicht zwangsläufig dekonstruiert oder neu erfunden werden muss.

Wir hatten ja bereits erwähnt, dass die Preise im Simpson’s absurd günstig sind. Festmachen lässt sich das beispielsweise daran, dass die Seezunge, die, wie wir vermuten, eine Kalibrierungsstufe kleiner ist als unsere legendäre Seezunge im Mon Amie Maxi, umgerechnet ziemlich exakt genauso viel kostet wie in unserer kleinen Brasserie und Austernbar.
Falls wir mit unserer Vermutung richtig liegen, ist die Seezunge nicht einfach nur günstig, sondern sogar günstiger als günstig.

Der appetitliche Bacon Chop ist genau die Sorte Gericht, die man sich in einem traditionsreichen britischen Restaurant erhofft. Üppig, herzhaft und vollkommen frei von elaboriertem Teller-Schnickschnack. Das gepökelte Bone-in-Kotelett besitzt eine durchaus ambitionierte Raucharomatik, appetitliche Grillstreifen und genau den richtigen Wechsel zwischen saftigem Fleisch und schmelzendem Fett.
Dazu gibt es zwei Sunny-Side-Up-Eier mit sonnengelbem, noch flüssigem Dotter und eine dunkle, tiefgründige Gravy, die dem ohnehin schon monumentalen Teller zusätzliche Wucht verleiht.

Hier präsentiert der stolze Master Carver der staunenden Chefin des Mook Culinary Research Teams sein bestes Stück. Die unangefochtene Main Attraction des Simpson’s, das über Nacht sanft gegarte Roast Rib of Devonshire Beef, das unter einer gewaltigen Silberhaube durch den Grand Divan gerollt und direkt am Tisch in der gewünschten Scheibenstärke heruntergecarvt wird. Dazu gibt es einen monumental aufgegangenen Yorkshire Pudding, krosse Roast Potatoes, geröstetes Wurzelgemüse, saisonales Grün, scharfe Horseradish Cream und reichlich dunkle Gravy. Britischer kann ein Teller kaum werden.

Die gar nicht einmal so opulenten Scheiben des Roast Rib of Devonshire Beef sind durchaus lecker, solide zart und handwerklich sauber exekutiert. Wer allerdings schon einmal im originalen Lawry’s The Prime Rib in Beverly Hills ein opulentes Prime Rib vom legendären silbernen Carving-Trolley gegessen hat, wird im Simpson’s nicht zwangsläufig auch in euphorische Ekstase verfallen.

So, nun zum von Euch sicherlich am meisten erwarteten Review des anglo-indischen Railway Mutton Curry. Das während des British Raj populär gewordene Gericht gilt als geradezu prototypisches Beispiel für die obsessive Liebesbeziehung der Engländer zur indischen Küche.
Die Simpson’s-Version wird in einer kleinen silbernen Servierschale mit duftendem Basmati-Reis und einem solide dimensionierten Naan Bread serviert. Das aromatisch intensive Hammelfleisch ist appetitlich zart geschmort, die üppige Sauce angenehm sämig und verfügt über eine warme, rund orchestrierte Würze, die von frischen Chilis und aromatischen Curryblättern erfreulich belebt wird. Auch das Naan ist fluffig, appetitlich koloriert und bestens dazu geeignet, noch die letzten Reste der gehaltvollen Sauce aus der Schale zu wischen.
Das ist alles ausgesprochen schmackhaft, erfreulich nostalgisch und im Kontext eines traditionsreichen britischen Restaurants absolut sinnvoll. Nichtsdestotrotz halten wir unsere Lammhaxe Rogan Josh im Ivory Club noch immer für das internationale Referenzgericht in Sachen perfekt balancierter indischer Lammcurrys.

Und da bekanntlich süß immer geht, entscheiden wir uns nach unserer kulinarischen Tour de Force auch noch für eine Chocolate Marquise, eine absurd mächtige Schokoladenbombe, die irgendwo zwischen Brownie, Mousse und Trüffelmasse oszilliert. Dazu gibt es reichlich warme Schokoladensauce und eine mächtige Nocke Vanilleeis. Ein vollkommen maßloses, aber ausgesprochen würdiges Finale.

Unser Besuch im wiedereröffneten Simpson’s in the Strand hat gezeigt, dass Jeremy King tatsächlich ein kleines gastronomisches Kunststück gelungen ist. Die legendäre Grande Dame fühlt sich noch immer vertraut, traditionsbewusst und wohltuend britisch an, wirkt dabei aber zugleich frischer, lebendiger und kulinarisch erstaunlich zeitgemäß.