Der CEO der Mook Group wurde kulinarisch nicht nur am Küchentisch seiner Großtante Franziska sozialisiert, sondern auch in den guten chinesischen Restaurants der Stadt, wie beispielsweise in den leider längst geschlossenen China-Restaurants Tse Yang, Phönix, Ming Yuan oder Jasmin. Sein fast schon täglich Brot waren damals nicht nur Rindfleisch Szechuan, Schweinefleisch süß-sauer und Chicken Kung Pao, sondern vor allem Frühlingsrollen. Und zwar keine Fancy-Schmancy-Röllchen mit Pulled Duck und Hoisin-Sauce oder die kleinen, heute so beliebten Mini-Springrolls aus der Tiefkühlabteilung, sondern die großen, soufflierten Old-School-Frühlingsrollen, die man heutzutage leider praktisch nirgendwo mehr in vernünftiger Qualität bekommt.
Der CEO der Mook Group muss häufig an die goldene Ära der großen Frankfurter China Restaurants denken und ganz besonders daran, wie gut ihm damals die Frühlingsrollen im Phönix oder im Jasmin geschmeckt haben. Immer wenn ihm diese mächtigen neuronalen Flashbacks besonders intensiv durch den präfrontalen Cortex seines Cerebrums zucken, bittet er Frank Möbes, den legendären kulinarischen Direktor der Mook Group, ihm eine Frühlingsrolle wie damals zuzubereiten. Trotz zahlreicher Versuche über einen Zeitraum von mehreren Jahren ist es uns allerdings nie gelungen, den authentischen Look, Feel und Taste der damaligen Rollen wirklich überzeugend zu reproduzieren.
Bis jetzt!
In einer unserer letzten Kitchen-Sessions ist es Frank Möbes endlich gelungen, eine geradezu perfekte Old-School-Frühlingsrolle regelrecht zu klonen. Ein stattlicher, goldbraun ausgebackener Kaventsmann mit einer spektakulär soufflierten Hülle, die beim vorsichtigen Tranchieren mit dem Messer sanft nachgibt und ihr dampfend heißes, wunderbar aromatisches Innenleben offenbart. Außen hauchdünn, luftig und mit einer Textur, die wunderbar zwischen einer fragilen Knusprigkeit und einer noch leicht duktilen Elastizität hin und her oszilliert. Genau so, wie es sich für eine authentische Old-School-Frühlingsrolle gehört
Um das wirklich perfekt hinzubekommen, bedarf es allerdings erheblich mehr handwerklicher Skills, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Wer nämlich glaubt, man müsse für eine authentische Old-School-Frühlingsrolle lediglich etwas Rinderhack und ein wenig Chinakohl in eine der handelsüblichen Wan-Tan-Teigplatten aus dem Asia-Markt einschlagen und das Ganze anschließend in heißes Fett werfen, unterschätzt den handwerklichen Anspruch ganz erheblich.
Für unsere Frühlingsrollen verwenden wir nämlich keine industriell vorgefertigten Teigblätter, sondern eigens in unserer Küche hergestellte, hauchdünne Pfannkuchen. Erst das harmonische Zusammenspiel aus Teigkonsistenz, Feuchtigkeitsgehalt, handwerklicher Akkuratesse beim Falten und exakt kontrollierter Frittiertemperatur sorgt dafür, dass die Hülle beim Ausbacken ihre charakteristischen kleinen Bläschen bildet und die Frühlingsrolle perfekt souffliert.
Nachdem es uns endlich gelungen ist, die Rollen in dieser authentischen Qualität zu reproduzieren, haben wir uns kurzerhand entschlossen, den beliebten Klassiker der Siebziger- und Achtzigerjahre tatsächlich wieder auf die Speisekarte des Zenzakan zu nehmen.
Alle Boomer, Gen-Xers und frühen Millennials, die wieder einmal den berühmten Proust-Effekt triggern möchten, um sich in ihrem Gedankenpalast zurück in die gute alte Zeit der großen, knusprigen Old-School-Frühlingsrollen katapultieren zu lassen, sollten jetzt unbedingt sofort einen Tisch im Zenzakan reservieren und eine Rolle rückwärts machen.
Interessierte Leser dieser Zeilen, die noch nicht wissen, was es mit dem Proust-Effekt auf sich hat, sollten sich unbedingt auch unseren ausführlichen Artikel über dieses erstaunliche psychologische Phänomen zu Gemüte führen.
